#GOTTFRIED_HELNWEIN: #WIEN IST DIE HAUPTSTADT DER #INTRIGE

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Gottfried Helwein: Selbstporträt, 1983. Als Plakat und Kunstdruck in verschiedenen Größen vervielfältigt.

>”Da gibt es eine Klasse von Experten, eine Priesterkaste, die das kulturelle Gut verwaltet, die bestimmt was Kunst und was nicht Kunst ist, sie grenzt ab, gibt Impulse, lässt neue Strömungen entstehen, verhindert andere, sie habt eine ungeheure Macht. Das ist nicht weiter schlimm. Das kann auch sehr spannend sein. Es ist eigenartig, daß der direkte Kontakt zwischen Künstler und Publikum fast ausgetrocknet ist, heute macht diese Beziehung einen Umweg über die Experten. Das Vorwort zu einem Katalog schreibt der sogenannte Ausstellungsmacher, der bei weitem wichtiger ist als der Künstler, und von diesen Urteilen hängt schon sehr viel ab. Der Großteil des Publikums traut sich doch gar nicht zu, Kunst zu beurteilen, die meisten haben sich ausgeklinkt. Man schielt auf den Experten, wenn der empfiehlt, dann kauft man. Insofern sind Kritik und Anerkennung sehr, sehr wichtig.”

SEINE KUNST IST EIN MISCHMASCH, SAGT HELNWEIN

Ist Helnwein, der als “Schockmaler” bereits in den Denkschubladen verstaute Seelenergründer, 1985 vor der Wiener Kritik in die Bundesrepublik Deutschland geflüchtet, wo er bis 1997 auf Schloss Burgbrohl residierte?

“Na, überhaupt net. Wien ist ja keine wirkliche große Stadt. Ich habe in den letzten Jahren den Eindruck gehabt, dass ich doch sehr isoliert bin. Es gibt eine einzige große Straße, die in den Westen hinausführt. Ich wollte immer schon auswandern. Als Achtzehnjähriger wollte ich ich nach Amerika gehen, aber das ist mir nie gelungen, weil Wien so eine komische Sogwirkung hat”.

Den typischen Helnwein-Stil bezeichnet der Künstler selbst als “Mischmach”:

“Ich verdanke in dieser Hinsicht Wien sehr viel, weil Wien eben ein Sumpf ist mit einem ganz seltsamen Klima, und da gedeihen eben solche Sumpfblüten, wie ich eine bin. Um sich hier durchsetzen, muss man eine gewisse Intensität und Sturheit entwickeln, man wird dabei etwas eigenartig, ein Freak, aber wenn man gut ist, dann ist man interessant. In Wien muss man sehr stark sein, um bestehen zu können. Wien ist die Hauptstadt der Intrige. Woran das liegt weiß ich nicht, vielleicht daran, dass es hier ungeheuer viele kreative Leute gibt und der Platz zu klein ist. Ich habe nirgends in der Welt , außer in New York vielleicht, einen Platz gesehen, wo so viele, wirklich gute kreative Leute zusammenleben müssen. Und die kämpfen eben auf Leben und Tod. Dazu kommt die Hypothek einer mächtigen Vergangenheit, die überall präsent ist und die Gegenwart zu ersticken droht.”

Helnwein und die Tradition: ein Pantscherl oder ein spannendes Verhältnis? Der Maler, der sich aggressiv und sensibel zugleich mit den Schlagzeilen auseinandersetzt, die das triviale Alltagsleben so schreibt, hat er etwa auch mit uns gelitten, als McDonalds ins wunderschöne Kaffeehaus in der Wiener Mariahilfer Straße eindrang?

“Das war ein sehr schönes Kaffeehaus, muss ich sagen. Jetzt ist es sehr schiach. Das ist allerdings kein Thema, über das ich mich ereifern würde. In der Prioritätenliste steht das sehr weit hinten.”

ICH BIN GEIL AUF VERMARKTUNG

Helnwein, der Maler, der auf viele Hochzeiten tanzt, Titelbilder, Posters, Stickers, Bildbände, ein bißchen viel Vermarktung, teurer Meister!

“Ich bin geil auf Vermarktung! Vermarktung ist absolut super!!! Was mich ärgert sind die Begriffe, die hier abgenutzt werden. Die Leute denken heute noch zu sehr in Begriffen wie lässlicher Sünde und Todsünde. Hoffart ist eine Todsünde. Man soll also immer Bescheidenheit vortäuschen, vortäuschen, man sei am Erfolg nicht interessiert. Es gibt dann noch Beleidigungen, wie: man vermarkte etwas oder sich, das ist was Peinliches. Wenn man jemanden, der mit Kunst zu tun hat, besonders anrühren möchte, dann wirft man ihm vor, er vermarkte sich. Ich betrachte das als Heuchelei! Zum Beispiel: der Kunstmarkt in Köln. Eine Galerie hat dort eine One-Man-Show gemacht mit meinen Sachen, und natürlich war dort der Boden voll mit meinen Posters, es gab Stickers und Buttons, weil ich total auf das steh! Andere Galeristen stellen eben einen Glaskasten aus, in dem sich ein verborgener Draht befindet für 30.000 Mark. Ist ja eh super, soll ja sein, woanders liegen rostige Schienen auf dem Boden, woanders gibt es die Neuen Wilden. Aber es gibt die ungeschriebene Regel: Posters und Buttons verkauft man nicht, das ist nicht elitär, nicht esoterisch genug. Auf dem Kölner Kunstmarkt besuchten mich auch einige Schüler.
Sie haben mich zur Rede gestellt. Warum vermarkten Sie sich? Und ich habe gesagt: Jetzt horcht einmal zu, liebe Kinder, wo befinden wir uns denn im Moment? Richtig. Auf dem KunstMARKT. Das hier also ist ein Markt, und es gilt als entsetzliche Beleidigung, wenn sich einer auf dem Markt vermarktet? Das ist mir zu kompliziert!”

GEGEN DIE EINTEILUNGSMANIE

Angesichts der einer willigen Konsumentenmasse erfolgreich hingebreiteten Produktion stellt sich die Frage nach der Einmaligkeit des Kunstwerkes ebenso zwingend wie angesichts heutiger Riesenauflagen von Lithographien oder auch Plastiken.

Helnwein ist kein Kavalier der hohen Kunstschule. “Ich bin kein Experte, ich muss keine treffenden Worte finden. Für mich soll Kunst überraschend sein, sie muss einen Unterhaltungswert besitzen. Das ist im Moment ja auch verpönt. Aber ich finde diese ganze Apartheid in der Kunst, diese Unterteilung in hohe und triviale Kunst, anachronistisch. In der Musik sind diese Grenzen schon aufgehoben, da vermischen sich Jazz und Rock und Pop und Klassik. Ich finde auch viele Beispiele der sogenannten intellektuellen oder kopflastigen Kunst super. Ich finde
vieles von Beuys sehr gut, ich halte ihn für einen sehr wichtigen Mann in der Bildenden Kunst, aber es wäre eine Katastrophe, wenn er der Maßstab für Kunst wäre. Es wäre auch eine Katastrophe, wenn es nur Comic-Strips geben würde. Das ist besonders im deutschsprachigen Raum so eine Manie: alles einzuteilen und zu reglementieren.
Ich kann den Leuten nur empfehlen, dass sie sich entspannen sollen.”

DAS REPRODUZIERTE BILD IST DAS ENDPRODUKT,NICHT DAS ORIGINAL

Der alte Streit um den Wert von Original und Reproduktion stellt für einen Künstler wie Helnwein, der so total die Herausforderung des Medienzeitalters annimmt, überhaupt kein Problem dar: “Meine Bilder werden schon im Hinblick auf die Reproduktion gemacht. Das reproduzierte Bild stellt für mich das Endprodukt dar, nicht das Original. Ich muss zugeben, dass es Originale gibt, deren Reize in der Reproduktion nicht wiedergegeben werden. Dagegen gibt es auch Reproduktionen, die Reize haben, die das Original nicht hat. Es gibt auch Reproduktionen, die gefallen mir besser als das Original, was aber selten ist.”

Sind denn die Schauer, die unsereins angesichts des Originals eines alten Meisters ergreifen, nur ein psychisches Phänomen, ist diese Ergriffenheit gar Selbstbetrug? “Diese Sucht nacht Religiosität in allen Bereichen ist typisch für die Menschen. Diese Sucht, etwas zu verehren, etwas anzubieten, sieht man ja auch beim Sänger Prince in Amerika oder bei Lady Di.”

WIRD FORTGESETZT

Anmerkung:Der wahre Grund dafür, dass Helnwein 1985 Wien verließ, war, dass ihm die Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste verwehrt worden war. 1997 erwarb er ein Schloss in der irischen Grafschaft Tipperary. Seit 2004 ist Helnwein irischer Staatsbürger.

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