DASS DER MENSCH VOM MENSCHEN WAS ERFÄHRT: Christine Ostermayer

Günter Verdin sprach mit Christine Ostermayer

(Das Gespräch wurde im Januar 1986 für die Sendung “Leute” in SDR3 geführt)

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Sie ist Shaws Johanna, Goethes Gretchen, Schillers Maria Stuart, Nestroys Salome Pockerl, Schnitzlers Komtesse Mizzi, Lerner und Loewes Eliza. Für ihre Art der Rolleninterpretation gibt es nur einen Namen: Wahrhaftigkeit. Wer sie einmal gesehen hat, wird süchtig nach der leisen Melancholie und dem weisen Humor, die in der Melodie ihres Sprechens mitklingen. Zwanzig Jahre lang hat die Österreicherin Christine Ostermayer am Residenztheater in München die großen Rollen der Weltliteratur auf unvergleichlich behutsame Weise gespielt. Sie wurde mit dem Titel Staatschausspielerin und dem Förderpreis der Stadt München geehrt.

Mit 49 Jahren steht sie nun am Gipfel ihrer Karriere, die Mitwelt flicht ihr Kränze, die Theater und Fernsehanstalten überhäufen sie mit Rollenangeboten. Sollte man meinen!

Es fließen ineinander Traum und Wachen,

Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.

Wir wissen nicht von andern, nichts von uns.

Wir spielen nichts von anderen, nichts von uns

Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug

(Arthur Schnitzler, Paracelsus 1899)

Mit 49 Jahren ist Christine Ostermayer fast am Ende, also am Anfang. Sie ist vom Residenztheater weggegangen. Warum sie vor zwei Jahren diesen auffälligen Schlussstrich gezogen hat, will sie nicht sagen. Es ist überhaupt schwer, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie hasst Interviews: “Vor Jahren dachte ich noch, dass das zum Beruf gehört, Auskunft zu geben. Dann habe ich aber so viel Blödes und Entstellendes lesen müssen, was ich nie gesagt habe. Das ärgert mich, weil es mich belastet. Es geht mir tagelang nach, was ich wieder für einen Quatsch gesagt haben soll. Und dann finde ich auch, dass sowieso alles zerredet wird. Und ich meine, ich habe nichts Wichtiges zu sagen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass ich keine Interviews gebe.”

Das Gespräch erreicht spürbar seine Grenzen, wenn wir uns dem wunden Punkt München nähern. Die Ostermayer wohnt noch immer in München, aber sie ist jetzt viel unterwegs: zuletzt war sie mit “Komtesse Mizzi” auf Tournee.

“Da ist viel zusammengekommen.” umschreibt die Schauspielerin ihre Probleme mit dem Residenztheater. “Es ist auch eine Altersfrage. Auf mich kommt jetzt ein neues Fach zu. Das ist alles nicht sehr einfach, denn Frauen sind ja in der Weltliteratur nicht vertreten, uns gibt es ja gar nicht! Wir leben zwar in einer Phase der Emanzipation, aber auf dem Theater existieren wir nicht. Schauen Sie sich doch nur die neuen Stücke an: reine Männerstücke, ausschließlich Männerprobleme. In den 50er Jahren, als ich zum Theater ging, da war für Männlein und Weiblein ein großes Feld zu beackern.”

Hat die Ostermayer die selbstverursachte Trennung von ihrem Stammhaus in München seelisch nicht verkraftet?

“Trennungen sind immer schmerzlich. Ich bin ein Gluckenmensch, ich brauche eine familiäre Umgebung. Das ist sehr schlimm auf der freien Wildbahn: man muss abliefern, man darf nicht suchen, man hat keine Zeit, sich zu entwickeln.”

Beruf mit Glück

Gedankenflug weg aus der deprimierenden Gegenwart hin zu den Anfängen. Jetzt verwundert mich auch das nicht mehr: Christine Ostermayer war alles andere als eine Senkrechtstarterin.
“Ich habe am Wiener Reinhardtseminar studiert und hatte das große Glück, als einzige meines Jahrganges ein Engagement zu bekommen. Und dann habe ich acht Jahre lang in der Provinz geackert. Und dann hatte ich wiederum das große Glück, dass ich Intendanten und Regisseure fand, die mich sehr gefördert haben. Sie merken schon: Ich habe ständig das Wort Glück im Mund, weil unser Beruf nur mit Glück zu tun hat, mit Können überhaupt nichts.”

Plötzlich horchte die Fachwelt auf: eine gewisse Ostermayer spielte in O’ Neills 1923 entstandene Tragödie über Rassenpobleme:”Alle Kinder Gottes haben Flügel”. Nochmals Glück: das Engagement nach München, und wieder Glück: die Intendanten Helmut Henrichs (Anm. Nicht zu verwechseln mit dem Theaterkritiker Benjamin Henrichs, seinem Sohn) und Kurt Meisel. “Das sind Menschen, die mich verstanden haben. Die auch verstanden haben, dass ich auf mich aufpassen muss. ich war schon seit 1970 nicht mehr im festen Vertrag, weil ich nach jeder Aufführung so erschöpft bin, dass ich glaube, ich schaffe es nicht mehr. Ich kann nicht jeden Abend die Widerspenstige spielen, oder das Gretchen. Man muss aufpassen, man muss die Kräfte zusammenhalten.”

Christine Ostermayer spricht viel vom Glück – in der Mitvergangenheit. Hat das Glück keine Gegenwart? “Ich glaube, dass es auf und ab geht. Momentan weiß ich nicht, ob es noch bergab geht oder schon langsam bergauf.”

Im Prinzip Hoffnung? “Ich habe das große Glück, ein von nichts abhängiger Mensch zu sein. Ich habe keine Ängste. Also, wenn ich entdecke, dass niemand mehr meine Stimme hören will, dass mich niemand mehr engagiert, dann erfüllt mich das nicht mit Angst.”
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Gespräch mit der Komtesse Mizzi

Ein wenig schwingt in diesem Gespräch die Komtesse Mizzi mit: ein Pendeln zwischen Resignation und Aufbruchstimmung, rätselhafte Traurigkeit, die tiefverwurzelt scheint im Wesen. Die Arthur Schnitzlers Komtesse Mizzi hat die Ostermayer auch schon im Fernsehen gespielt. “Aber damals war ich zu jung, glaube ich. Wir haben in Wien in einem wunderbaren Palais gedreht. Schnitzler ist für mich ein ganz aufregender Autor. Aber das hängt auch mit dem Österreichertum zusammen.”

Irgendwann will die Ostermayer die Mutter Courage spielen. “Ich hoffe, dass das einer mit mir macht. Früher hieß es immer, ich sei zu jung für die Rolle.” Die Ostermayer und ihr Alter. Wie ist sie auf das
Älterwerden, auf dieses Zuleben aufs Alter, vorbereitet? “Ich finde das alles spannend. Was mein Privatleben betrifft, finde ich das Älterwerden wirklich hochspannend. Man wird ja jeden Tag gescheiter. Man lebt viel bewusster als in der Jugend – man ist jung, und weiß nicht, dass man jung ist – ich resigniere überhaupt nicht. Nur gibt es eben die Tatsachen im Berufsleben, Arbeitstatsachen, gegen die ich nicht revoltieren kann. Ich könnte nur sagen, jetzt schreibe ich mir selbst etwas, aber das schaffe ich nicht”

Das Thema Krise

Die Krise der Christine Ostermayer, die Krise des Schauspiels. Welchen Standort hat der Beruf das Schauspielers im sozialen Gefüge, ist er dort angesiedelt, wo die Träume beginnen, oder mittendrin im realen Leben?
“Ich glaube: schon sehr am Rande. Aber das ist von Land zu Land verschieden. In Österreich haben wir ein Publikum, dass das Theater braucht wie die Luft zum Atmen. Das ist im übrigen deutschsprachigen Raum nicht der Fall. Aber auch da da gibt es regionale Unterschiede. In Berlin hat das Theater auch große Bedeutung, nicht als Traumfabrik, sondern als Vermittler wichtiger Inhalte, die mit dem wirklichen Leben zu tun haben. Der Vorhang geht auf, das ist ein ganz alter, einfacher Vorgang: Bilder anschauen, Sprache erleben. Es ist wichtig, dass der Mensch vom Menschen was erfährt.”

Der Sicherheit entflohen

Auch Christine Ostermayer will immer Neues über den Menschen erfahren. Deswegen ist sie der Sicherheit entflohen und hat sich in Ratlosigkeit gestürzt. Natürlich würde sie auch bei freien Theatergruppen mitspielen, wenn die Rolle spannend genug wäre. Aber da ist ja wieder das Alter. “Die Jungen empfinden uns Ältere doch als Establishment. Gegenseitige Abwertung unter den Generationen, aber das ist überhaupt in diesem Beruf so, jede Sparte wertet die andere ab, da gibt es kein Miteinander, nur ein Gegeneinander, Innerhalb eines Hauses bilden sich bestimmte Gruppen. Als ich zum Theater kam, da gab es nur eine Gruppe, nämlich das Ensemble. Heute sind das drei, vier Ensembles, die einander bekämpfen, und natürlich vermittelt sich das nach unten. Wir sollten uns alle wieder auf unsere Aufgabe besinnen, nämlich für das Publikum da zu sein! Jede Form der Unterhaltung hat ihre Berechtigung. Das sieht man am besten in London, wo es ein Riesenspektrum an Unterhaltungsformen gibt. Wir sind alle zur Unterhaltung da! Und niemand hat die Berechtigung zur Arroganz gegenüber Kollegen und Publikum.”

Kritik an den Kritikern

Da wären wir ja schon beim Thema Kritik. “Ich habe zur Kritik ein gespaltenes Verhältnis. Ich glaube nicht, dass es heute noch eine
Handvoll Kritiker gibt, die sich mit Spaß an der Sache, mit Interesse und Wissen mit einer Aufführung auseinandersetzen. Ich lese keine Kritiken mehr. Das ist leider auch ein Resultat des Älterwerdens, dass die Nerven immer mehr bloß liegen. Ich schaffe es nicht mehr, mir in einem Satz bescheinigen zu lassen, dass ich drei Monate Arbeit vergeblich gemacht habe. Ich kann von Kritikern nichts mehr lernen. Ich habe seit vier Jahren keine mehr gelesen.”

Vielleicht fällt es den Kritikern zunehmend schwerer, die richtigen Worte für die subtile Kunst dieser imponierenden Frau mit ihrer zeitlosen Ausstrahlung zu finden. Eine Journalistin nannte die Ostermayer einen Kristall, in dem die Rollen tausendfältig blitzen. Christine Ostermayer strahlt aus sich heraus. Eben fällt mir auf, dass sie keinen Schmuck trägt.

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Christine Ostermayer als Salome Pockerl und Helmuth Lohner als Titus Feuerfuchs in “Der Talisman” von Johann Nepomuk Nestroy. Salzburger Landestheater. Salzburger Festpiele. 1976.
© IMAGNO/Barbara Pflaum Photographie.

Theaterrollen (Auswahl):

Zoe in James Saunders “Ein Duft von Blumen” (1965, Regie: Hans Lietzau)

Piperkarcka in Gerhart Hauptmanns “Die Ratten” (1966)

Titelrolle in Jean Anouilhs “Antigone” (1966; Regie: jeweils Helmut Henrichs)

Mari in Julius Hays “Haben” (1967, Regie: Rudolf Wessely)

Laila in Jean Genets “Die Wände” (1968)

Rosalind in Shakespeare “Wie es euch gefällt” (1968, Regie: jeweils Hans Lietzau)

Titelrolle in Ibsens “Nora” (1969, Regie: Henrichs)

Viola in Shakespeares “Was ihr wollt” (1967, Regie: Johannes Schaaf)

Berta in Marieluise Fleißers “Pioniere in Ingolstadt”

Gretchen in Goethes “Urfaust” (1972, Regie: Helmut Henrichs)

Viola in Shakespeares “Was ihr wollt” (1972, Salzburger Festspiele; Regie: Otto Schenk)

Isabella in Shakespeares “Maß für Maß” (1973, Regie: Rudolf Heinrich)

Polly in Bertolt Brechts “Die Dreigroschenoper” (1974)

Titelrolle in G. B. Shaws “Die heilige Johanna” (1975, Regie: jeweils Merlin Fried)

Julie in Franz Molnárs “Liliom” (1975, Regie: Kurt Meisel)

Titelrolle in Schillers “Maria Stuart” (1981, Regie: Meisel)

Die Dame in August Strindbergs “Nach Damaskus” (1983, Regie: Erwin Axer)

Film- und Fernsehrollen (Auswahl):

Der zerbrochne Krug (als Eve Rull; mit Paul Dahlke und Ernst Fritz Fürbringer), 1965

Der Widerspenstigen Zähmung (als Katharina; mit Klaus Maria Brandauer; Regie Otto Schenk), 1971

Was Ihr wollt (Regie Otto Schenk, mit Klaus Maria Brandauer und Josef Meinrad), 1973

Der Sieger von Tambo (mit Hans Brenner und Will Quadflieg), 1973

Tatort: Acht Jahre später (als Frau Pallenburg) (Regie: Wolfgang Becker, mit Hansjörg Felmy und Willy Semmelrogge), 1974

Komtesse Mizzi (Regie Otto Schenk, mit Karl Schönböck), 1975

Derrick: Lohmanns innerer Frieden, 1983

Tatort, Folge 221: Alles Theater (als Anna Pfeil; mit Heinz Drache, Dietrich Mattausch, Jürgen Heinrich, Daniela Ziegler; Regie: Peter Adam), 1989

Madame Bäurin (Regie Franz Xaver Bogner, mit Julia Stemberger), 1993

Späte Gegend (mit Ruth Drexel, 1998

Alle meine Töchter (mit Jutta Speidel), 1998

Jedermann (mit Ulrich Tukur und Dörte Lyssewski), 2000

Der Bulle von Tölz, Folge 43: Klassentreffen (als Klara), 2003
München 7, Folge 8: Nur vorübergehend (als Anna-Maria Rapp), 2004

Der Winzerkönig (mit Harald Krassnitzer und Katharina Stemberger), 2005 – 2009

Der Kaiser von Schexing, Folgen 6 (Schau, was ich kann) und 7 (Weiber) (als Antonia Waldenfels), 2008

Und ewig schweigen die Männer (als Trude), 2008

Anfang 80, 2011

Auszeichnungen:

Kainz-Medaille, 1975

Nestroy-Ring, 1999

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