DER GAUDIBURSCH AUS REICHENHALL: Georg RINGSGWANDL

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Georg Ringsgwandl ist ein bayerischer Kabarettist und Liedermacher.

Geboren: 15. November 1948 (Alter 65), Bad Reichenhall, Deutschland

(Das Gespräch stammt aus dem Jahr 1996 und wurde von Günter Verdin für die SWR 3-Sendung “Leute” aufgezeichnet)

Diesen Arztbesuch machen wir besonders gerne. Wir haben uns natürlich angemeldet zur Sprechstunde beim schrillsten Mediziner der Welt (die Medical Tribune präsentierte ihn bereits in der Reihe “Verrückte Kollegen”)

Doktor Georg Ringsgwandl, gebürtiger Bad Reichenhaller, Jahrgang 1948, zur Pflege bayrischen-verqueren Gedankengutes ,verpackt in rockige Musik, überregional unterwegs, ist Kabarettist und Kardiologe aus ganzem Herzen.

Praktiziert er überhaupt noch?

“Praktisch nicht mehr. Aber wenn der Nachbar einmal eingewachsene Zehennägel hat, dann helfe ich zwischendurch aus. Weil es inzwischen so viele Mediziner gibt, ist das Gesundheitsministerium an mich herangetreten und hat mir vorgeschlagen, dass ich mir die Zeit vertreiben könnte, indem ich Bühnenauftritte mache.”

Inzwischen kann Ringsgwandl sogar von seiner Kunst leben. Fast.

“Ich schramme so ganz knapp an der Sozialhilfe vorbei. Aber es ist nicht so schlimm, dass ich nachts älteren Damen im Park die Handtasche wegreißen muss.”

Bereits 1975 kam der erste Single von Georg Ringsgwandl auf den Markt: sie war ein kommerzieller Misserfolg. Zwei Jahre später wurde die Bühnenfigur Ringsgwandl geboren – der bayrische Bluesbarde Willy Michl präsentierte während eines Konzertes seinen Freund, welcher wahnsinnig besoffen und deswegen hemmungslos war.

Die Hemmungslosigkeit hat Ringsgwandl beibehalten, obwohl er seine Selbstzweifel auch in Liedform präsentiert.

” Bin ich ein Genie, das die Leute durch Gaudi und glücklich macht/ oder bin ich nur ein Kasperl, über den der normale Mensch nur lacht./Bin ich des höheren Wahnsinns irdischer Stellvertreter,/ oder komm ich mir verrückt vor und bin doch nur so wie jeder…./ Bin ich ein Reklametrick, den man aufgeblasen hat, oder eine Hoffnung von größerem Format?”

Ende 1993 erschien die CD “Staffabruck”, die einen Wendepunkt in der Entwicklung Ringsgwandls markierte. Er sang nun stille, in sich gekehrte Lieder, wurde auch gleich von der Kritik zum bayrischen Bob Dylan ernannt, und beunruhigte alle, die von seiner grellen Komik nicht genug bekommen konnten. Dieser Rückzug in die Stille war keineswegs biographisch bedingt.

“Das waren Lieder, die sich im Laufe von zwanzig Jahren so angesammelt hatten, die nicht in das laute Programm hineingepasst haben, das ich für gewöhnlich mit meiner Band spiele. Diese Lieder haben sich dann zusammengefunden, und haben gesagt: Geh Georg, lass uns doch auf eine CD huschen! Und dann sag ich zu ihnen: Ja, alle Lieder sind meine Kinder. Warum sollen denn die stillen Kinder nicht zusammen auf eine CD huschen dürfen?
Also rauf auf die CD, aber dann muss Ruhe sein!”

Seine stillen Kinder begleitete er selbst mit der akustischen Gitarre. Songs von Bob Dylan in selbstverständlich bajuwarisch anverwandelter Gestalt finden sich immer wieder im Programm von Ringsgwandl. Auf seiner jüngsten Tournee (1996!), die unter dem Motto “Der Gaudibursch vom Hindukusch” steht , singt er Dylans christliches Bekenntnislied “Serve somebody”; bei Ringsgwandl heißt die Botschaft: “Du kannst nix mitnehma”.

Mit seinen jüngsten Album “Der Gaudibursch vom Hindukusch” hat Georg Ringsgewandl wider zu den lauteren Kindern zurückgefunden.

“Ja, sie tun ein bissel laut, sogar vorlaut herum, aber sie haben doch eine feine, weiche Seele, diese Kinder.”

Anlass, satirisch zu reagieren, bietet der Alltag, nicht nur der bayrische, reichlich. Aber es ist nicht so, dass Ringsgwandl sich da auf besonders komische Sachen konzentriert.

“Ich schau eher, dass ich möglichst unlustige und unerkleckliche Stoffe aufnehme. Ich denke, dass die Gesellschaft sowieso zu viel Gaudi hat, die Gesesllschaft ist ja durchseucht von einer Masse von jungen Leuten, die sich in komischen Turnübungen versuchen. Comedy nennt man das, glaube ich. Insofern ist der Titel, Gaudibursch nur Schwindel: ein verdrießlicher alter Kerl, der ich bin,schwindelt sich in der Narrenkappe des Gaudiburschen auf die Bühne.”

Wodurch unterscheidet sich eigentlich Ringsgwandl von Comedy?

“Ich bin ein alter Griesgram, ich bin einfach verdorben durch eine holprige Kindheit und ein zwanzigjähriges dornenreiches Arbeitsleben: dadurch fehlt mir dieser fröhliche Optimismus.”

Der Gaudibursch singt von der Mülltrennung, von exzessiven Handy-Gebrauch, oder, im Reggae-Rhythmus , auch über das samstägliche Grillfest auf den Balkonen allerorten. Das jeweilige Lied sucht sich sozusagen seine musikalische Richtung aus.

“Für die Grill-Idylle ist Reggae schon der richtige Rhythmus, das wäre schlecht als Heavy Metal.”

Natürlich ist auch Ringsgwandls Musik-Feeling von purer Ironie geprägt: er bedient sich der aktuellen Popmusik-Strömungen durchaus distanziert in zitathafter, auch parodistischer Manier.

Derzeit (1996!) Zeit schreibt Ringsgwandl an seinem Musical über König Ludwig, nicht für Füssen, wo man den Kini-Tourismus steigern möchte, sondern für das Gärtnerplatz-Theater in München, wo es am 19 Juli 1998 uraufgeführt werden soll.

“Das ist eine Punk-Version der Geschichte von Ludwig und Sisi, der Wagner ist auch mit dabei, der Kammerdiener von Ludwig und die Haushälterin auch, und die machen die große Party am Ende des 19. Jahrhunderts, weil sie wissen, dass die guten alten Zeiten vorbei sind.”

Gottfried Benn oder Karl Valentin???

In seinen Bühnenshows schlüpft der noch vor Hirschhausen komödiantischste Arzt Deutschlands in verschieden groteske Figuren.

“Ich kann mich ja nicht als biederer Familienvater auf die Bühne stellen, da würde das Publikum ja schreiend aus dem Saal laufen. Die Bühnenfigur muss schon ein bisschen verdichtet sein, die muss anders sein als der Mensch, der in der U-Bahn neben einem sitzt. Interessant sind aufgedrehte Disc Jockeys, die zwei Kannen Kaffee und sechs Ecstasy-Pillen intus haben, oder auch ein durchgeknallter Alleinunterhalter, oder ein Grillterrorist, der widerrechtlich Benzin ins Feuer schüttet, wenn die Glut nicht rechtzeitig angeht.”

Genie oder Gaudibursch: um das Phänomen Ringsgwandl einigermaßen in den Griff zu bekommen, bemühen die Kritiker kühne Vergleiche. Ein Gottfried Benn des Rock ‘n’ Roll hätte er werden können, mit seiner überbordenden Wortgewalt. seufzte unlängst Michael Werner in der “Stuttgarter Zeitung”.

Näher liegt natürlich einem, der so bitter unernst mit der Realität und dem Wortsinn umzuspringen pflegt, der dazu noch bayrischen Ursprungs ist, die Frage zu stellen: Hat Sie Karl Valentin beeinflusst?

Die Antwort kommt schnell.

“Nein nicht! ”

Das klingt aus ihrer sarkastischen Grundhaltung umgedeutet wie: “No na!”

DISKOGRAFIE UND BÜHNENSTÜCKE (Quelle: WIKIPEDIA)

1986: Das Letzte

1989: Trulla! Trulla!

1991: I wui net Ski fahrn, aber i muaß (Single)

1992: Vogelwild

1993: Staffabruck

1994: Die Tankstelle der Verdammten (Schauspiel Köln, 1996 an den Münchner Kammerspielen)

1996: Der Gaudibursch vom Hindukusch

1998: Ludwig II. – Die volle Wahrheit (Münchner Kammerspiele)

2001: Gache Wurzn

2004: Prominentenball (Bayerisches Staatsschauspiel)

2005: Alte Reißer – Verreckte Geschichten (Live Conferencen)

2006: Der schärfste Gang

2009: Untersendling

2012: Der varreckte Hof (“Stubenoper”)

2013: Mehr Glanz!

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