Der nackte #Hamlet: #Samuel_Weiss geht mit mir ein Schnitzel essen

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Von Günter Verdin

Hamlet sitzt im sonnigen Gastgarten des „Schützenwirt“ und speist ein Wiener Schnitzel. Die Frage nach Sein oder Nichtsein scheint sich hier auf der paradiesischen Anhöhe von St. Jakob am Thurn zu erübrigen, obwohl sich Samuel Weiss, der von der Kritik gleichermaßen verrissene wie hochgelobte, vom Publikum gefeierte „Hamlet“-Darsteller in der Inszenierung von Martin Kusej (als Ko-Produktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspiel Stuttgart), selbst als manisch depressiv mit stärker werdenden Schüben bezeichnet. Jedenfalls eine ideale Disposition, um sich der vergrübelten Figur des Dänenprinzen zu nähern.

„Peymann wusste gar nicht, wer ich bin“

Sein Bühnen-Debüt feierte der gebürtige Schweizer und Absolvent des Wiener Reinhardt-Seminars übrigens am Burgtheater: „Ich habe als Eleve bei einer Produktion von Manfred Karge mitgespielt. Peymann hat meinen Vertrag nur unterschrieben, der wusste gar nicht, wer ich bin. Ich habe ihn einmal in der Direktion getroffen. Er hat mich gefragt: Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Und da musste ich ihm sagen, dass er mich engagiert hat.
Mir war klar, dass ich am Burgtheater nicht alt werden würde.“

Danach Tübingen, Landestheater, Start mit Sosias im Kleistschen „Amphytrion“, eigentlich eine Rolle für einen Charakterkomiker: „Ich liebe Sachen, wo ich komisch sein darf. Aber in letzter Zeit kommen immer nur so Hammer-Tragödien auf mich zu.“

Wie zum Beispiel der wahnsinnige Doktor, der die Welt mit obskuren Mitteln heilen möchte, in Sarah Kanes „Gesäubert“ in Stuttgart, unter der Regie von Kusej. Das war sozusagen der Vorläufer zu Hamlet. Irgendwann hat Weiss dann erfahren, dass er Hamlet in Salzburg spielt:

„Ich weiß nicht mehr, wann. Aber so rechtzeitig, dass ich noch Text lernen konnte. Es muss relativ früh gewesen sein, denn ich bin sehr langsam beim Textlernen.“

Angst vor Hängern? „Die Figuren, wie ich sie spiele, haben ohnedies meist einen Zacken in der Krone. Da wirkt es relativ natürlich, wenn sie stottern oder nicht weiter wissen. Aber unlängst hatte ich einen Aussetzer im Monolog um Sein oder Nichtsein. Das hat mich maßlos geärgert. Ich stehe da ganz allein auf der Bühne, rund um mich ist das blanke Nichts. In solchen Fällen heißt es ruhig weiteratmen und warten, warten – und dann kommt auch der Text wieder, wie ein Geschenk:“

Samuel Weiss ist meines Wissens der erste Hamlet der Theatergeschichte, der die seelische Selbstentblößung auf die Spitze der körperlichen Nacktheit treibt. Weiss: “Es ist ja nicht das erste Mal, das ich nackt auf der Bühne stehe. Wenn es mir dramaturgisch notwendig erscheint, dann ist Nacktheit für mich so alltäglich wie – eine Tasse Kaffee trinken. Aber ich glaube, ich habe das unterschätzt, dass in Salzburg ehemalige und amtierende Bundespräsidenten, Manager und Showmaster im Publikum sitzen. Die Reaktionen sind zum Teil schon heftig.“

Wie fühlt man sich eigentlich als Künstler bei den Salzburger Festspielen? „Ich war nicht bei der Eröffnung. Aber ich habe die Rede von Bundespräsident Klestil gelesen, dass Salzburg die Schule Europas sein soll, gleichzeitig wurde dann Frau Jelinek vereinnahmt, das fand ich dann schon bedenklich. Schön, dass Salzburg so eine kleine Stadt ist und so viele Menschen „Hamlet“ gesehen haben. Man wird auf der Straße angesprochen, das passiert einem in Stuttgart nie! Na gut, ich bin ja ein relativer Nobody, ich gebe da und dort ein Autogramm. Das hat noch nicht Ausmaße erreicht, dass ich mich belästigt fühlen könnte.“

In New York dominieren zur Zeit Dramen die Bühne, die sich mit naturwissenschaftlichen Themen auseinandersetzen. Wohin geht im deutschsprachigen Theater der Trend?

„Das ist doch ein Zufall, dass das Theater hierzulande zum Siegelverwahrer für klassische Brocken geworden ist. Das hängt damit zusammen, dass Leute, die wirklich schreiben können, keine Lust auf Dramen haben, weil das Theater eine gesellschaftliche Randerscheinung ist. Die schreiben lieber für Film und Fernsehen, oder einen Roman. Das Theater behandelt seit 2000 Jahren das Thema Familie. Und da die Familie gesellschaftlichem Wandel unterworfen ist, kann man da auch immer wieder neue Stücke darüber schreiben. Für mich jedenfalls ist das das zentrale Thema.“

Apropos Familie: Gibt es ein Leben nach dem Theater? Samuel Weiss, ganz privat: „Die beste Entspannung für mich ist, wenn ich mit meiner kleinen Tochter im Kinderzimmer Kasperle spiele. Gut, das ist wieder eine Form von Theater, aber – ein sehr kleines exquisites Publikum!“

Übrigens: Vor einiger Zeit stand in einer Zeitung, dass Depressionen eine gesunde Reaktion sein können, die verhindert, dass man sich selbst überfordert. Samuel Weiss: „Das habe ich auch gelesen. Seither geht es mir schlagartig besser.“

(Das Gespräch fand im August 2000 statt)

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