SÖREN KIERGEGAARD SAGT: ERHÄNGE DICH, DU WIRST ES BEREUEN; ERHÄNGE DICH NICHT, DU WIRST ES AUCH BEREUEN…

Wir tauchen ein in die Irrsinnswelt des Paradoxons. In der Rhetorik versteht man unter diesem Begriff die “scheinbare Widersprüchlichkeit oder Formulierung einer Idee, die der üblichen Meinung widerspricht.”

Ein klassisches, allseits bekanntes Paradoxon ist der folgende Satz von

SOKRATES

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (Sokrates)

Ein anderes Paradoxon ziert ausgerechnet die Vorderfront des Stuttgarter Hauptbahnhofes , dessen umstrittener Umbau der reinste Irrtum ist:

“… , daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.”

Weitere Beispiele:

FRANKLIN D. ROOSEVELT in seiner Antrittsrede am 4. März 1933:

“Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst. ”

Mit diesem rhetorischen Modell der begrifflichen Verschränkung Lassen sich auch andere Sätze konstruieren:

GÜNTER VERDIN:

“Dass das Einzige was wir lieben die Liebe selbst ist….

KARL MARX:
„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen.“

Differenziert betrachtet können diese Sätze als CHIASMUS bezeichnet werden, das ist die symmetrische Überkreuzstellung von syntaktisch oder semantisch entsprechenden Satzteilen.

FRIEDRICH SCHILLER,Don Carlos; Zweiter Akt, Fünfter Auftritt:

“Wie viel schneller man die Welt mit einem Könige versorge, als Könige mit einer Welt.“

Ein Sonderfall des CHIASMUS wird als EPANADOS bezeichnet, das ist die Wiederholung von Worten in umgekehrter Reihenfolge:

LEONARDO DA VINCI:

„Wer nicht kann, was er will, der wolle, was er kann.“

JOHN WESLEY, britischer Theologe in seiner Abschiedsrede anlässlich des Todes von George Whitefield:

“We agree to disagree…”

Die Philosophen schlagen sich spätestens seit Aristoteles mit Paradoxien herum. Das LÜGEN-PARADOXON beschäftigt die Philosophie, insbesondere die Logik, bis heute. Das bekannteste Lügen-Paradoxon ist:

„Dieser Satz ist falsch.“
Die Paradoxie dieses Satzes besteht darin, dass sich nicht vernünftigerweise behaupten ließe, er sei wahr oder falsch. Angenommen er wäre falsch: Dann würde das zutreffen, was der Satz selbst behauptet, und er müsste eigentlich vielmehr wahr sein. Nehmen wir aber an, er sei wahr, dann scheint das, was der Satz behauptet, nicht mehr zuzutreffen – was bedeutet, dass der Satz eigentlich doch wiederum falsch sein müsste. (Quelle:Wikipedia)

Wesentlich später, nämlich im 19.Jahrhundert, jonglierte Sören Kierkegaard mit Paradoxien. Das GLAUBEN-PARADOXON besteht darin, dass der christliche GOTT
zugleich Mensch und Gott ist, was bedeutet, dass das Zeitlose in der Zeit, das Transzendente in der Immanenz, das Unendliche in der Endlichkeit existierte.

SÖREN KIERGEGAARD SAGT: ERHÄNGE DICH, DU WIRST ES BEREUEN; ERHÄNGE DICH NICHT, DU WIRST ES AUCH BEREUEN…

SÖREN KIERKEGAARD, Entweder – Oder, 1843

„Ein ekstatischen Vortrag“

„Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen, heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst beides bereuen, entweder du lachst über die Torheiten der Welt oder du weinst über sie, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen; trau ihr nicht, du wirst es auch bereuen, trau einem Mädchen oder trau ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen; erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen; erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen. Dies, meine Herren, ist aller Lebensweisheit Inbegriff. Nicht in einzelnen Augenblicken nur betrachte ich, wie Spinoza sagt, alles aeterno modo; vielmehr bin ich beständig aeterno modo. Das, glauben viele, seien sie auch, wenn sie, nachdem sie das eine oder das andere getan haben, diese Gegensätze vereinigen oder vermitteln. Doch dies ist ein Missverstand; denn die wahre Ewigkeit liegt nicht hinter einem Entweder-Oder, sondern vor ihm. Ihre Ewigkeit wird daher auch eine schmerzliche Zeit-Sukzession sein, da sie an der doppelten Reue zu zehren haben werden. Meine Weisheit ist also leicht zu verstehen; denn ich habe nur einen Grundsatz, von welchem ich noch nicht einmal ausgehe. Man muß zwischen der nachfolgenden Dialektik des Entweder-Oder und der hier angedeuteten ewigen unterscheiden. Wenn ich also hier sage, daß ich nicht von meinem Grundsatz ausgehe, so hat dies seinen Gegensatz nicht in einem Davon-Ausgehen, sondern ist lediglich der negative Ausdruck für meinen Grundsatz, das, wodurch er sich selbst begreift im Gegensatze zu einem Davon-Ausgehen oder einem Nicht-davon-Ausgehen. Ich gehe nicht von meinem Grundsatz aus; denn ginge ich von ihm aus, würde ich es bereuen, ginge ich nicht von ihm aus, würde ich es auch bereuen. Sollte es daher dem einen oder anderen unter meinen hochverehrten Zuhörern so vorkommen, als ob an dem, was ich sagte, doch etwas dran wäre, so beweist er damit nur, daß sein Kopf für die Philosophie nicht geeignet ist; sollte es ihm scheinen, daß Bewegung in dem Gesagten sei, so beweist dies dasselbe. Für diejenigen Zuhörer hingegen, die imstande sind, mir zu folgen, obwohl ich keine Bewegung mache, will ich nun die ewige Wahrheit entwickeln, durch welche diese Philosophie in sich selbst bleibt und keine höhere zugesteht. Wenn ich nämlich von meinem Grundsatz ausginge, so würde ich nicht wieder aufhören können; denn hörte ich nicht auf, so würde ich es bereuen; und hörte ich auf, so würde ich es auch bereuen usw. Nun aber, da ich nie ausgehe, kann ich jederzeit aufhören; denn mein ewiger Ausgang ist mein ewiges Aufhören. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es für die Philosophie keineswegs besonders schwierig ist, anzufangen. Weit entfernt: sie fängt ja mit nichts an und kann somit jederzeit anfangen. Was hingegen der Philosophie und den Philosophen schwerfällt, ist das Aufzuhören. Auch dieser Schwierigkeit bin ich entgangen; denn falls jemand glauben sollte, daß ich, indem ich jetzt aufhöre, wirklich aufhöre, so beweist er, daß er keine spekulative Begabung hat. Ich höre nämlich nicht in diesem Augenblicke auf; sondern ich habe bereits damals aufgehört, als ich anfing. Meine Philosophie hat deshalb die vortreffliche Eigenschaft, daß sie kurz und daß sie unwidersprechlich ist; denn wenn jemand mir widerspräche, so dürfte ich wohl recht damit haben, ihn für verrückt zu erklären. Der Philosoph ist also beständig aeterno modo und hat nicht, wie der selige Sintenis, nur vereinzelte Stunden, die für die Ewigkeit gelebt sind.“

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