War STEFAN ZWEIG das Intrigenopfer Hofmannsthals?

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(Stefan Zweig-Denkmal auf dem Salzburger Kapuzinerberg)

Der Europäer auf dem Kapuzinerberg

Von Günter Verdin

“Darum hat die Kunst unserer Zeit in Hugo in Hugo von Hofmannstahl nicht nur ihren sprachmächtigsten Dichter verloren, sondern auch ihren obersten und reinsten Richter. (…) Denn dies war der letzte, der äußerst Sinn seiner Sendung auf Erden: noch einmal das Maß nach oben zu richten – eine Zeit, die (…) nur auf Gleitendem ruht, neuerdings auf das Dauernde und Unvergängliche zurückzuverweisen. Hugo von Hofmannsthal hat gefordert und durch sein Werk bewiesen, dass auch heute eine hohe, eine adelige, eine dem Absoluten dienende Kunst möglich ist, und dass wir dies erlebten an seinem Dasein – darin liegt große Verpflichtung.“

Spricht so ein „Intimfeind“ über den Gegner, welchen er glücklich überlebt hat? Oder ahnte der Dichter Zweig 1929, als der die Trauerrede für Hofmannstahl am Wiener Burgtheater hielt, wirklich nichts von der Abneigung des von ihm Gewürdigten ihm gegenüber, obwohl sich die Familie des Verblichenen die Rede durch Zweig verbeten hatte und die Witwe dem Festakt deswegen fernblieb. Welche Rolle hatte Hofmannstahl, hatten Reinhardt und auch Strauss im Intrigenspiel, welches Stefan Zweig, den „Österreicher vom Kapuzinerberg Salzburg“ (Egon Erwin Kisch, 1942), von der Mitwirkung an den Salzburger Festspielen fernhalten sollte? Oder hat gar Stefan Zweig selbst die Salzburger Festspiele boykottiert?

Nicht nur Berta Zuckerkandl, „die Hofrätin“, welche mit Friderike und Stefan Zweig befreundet war, und durch ihren berühmten „Salon“ großen Einfluss auf das künstlerische Schaffen ihrer Zeit hatte, wunderte sich: „Als Zweig unmittelbar nach Kriegsende in Salzburg das kleine Schloss auf dem Kapuzinerberg erwarb, hätte man seine Mitwirkung an den Salzburger Festspielen für selbstverständlich gehalten. Beinahe gleichzeitig waren Max Reinhardt auf Schloss Leopoldskron und Hermann Bahr auf Birgelstein ansässig geworden. Doch nur mit Bahr trat Zweig in nähere Verbindung. Reinhardts und Hofmannstahls Werk wandte er den Rücken. Wenn im August der Festspielrummel begann, verschwand Zweig beinahe demonstrativ aus Salzburg. Er überließ es seiner Frau Friderike, die zahlreichen Gäste, die auf den Kapuzinerberg pilgerten, zu empfangen.“ Berta Zuckerkandl schrieb das 1970, und es empfiehlt sich, mit solchen Zeugenaussagen aus der Erinnerung vorsichtig umzugehen.

Dass Zweig den Festpieltrubel floh, ist durch Briefstellen aus der Korrespondenz mit seiner ersten Frau Friderike belegt. Sie sendet am 22. Juni 1923 an den „lieben Stefan“ nach Westerland auf Sylt folgenden Hilferuf: „(…) endlich flüchte ich mich in die Ruhe des Briefschreibens. Es freut mich, wenn Du Ruhe hast, aber wenn Du nicht hier bist, glauben die Menschen, unser Haus sei völlig zu ihrer Benutzung, wenn nur irgendein Vorwand besteht heraufzukommen.“ Und Zweig antwortet: „(…) Du wirst mir zugeben, dass ich Dich mit Recht immer gewarnt habe, so viele Menschen ins Haus zu ziehen. Ich weiß sehr wohl, warum ich im Cafehaus empfange – die Leute haben oft kein Maß und vergessen, dass sie nicht die einzigen sind.“

„Empfangen“ hat Stefan Zweig übrigens vorwiegend im „Cafe Bazar“. Die Senior Chefin, Frau Tomaselli, die als Tänzerin des Gertrud-Bodenwieser-Ensembles auch zu einer Privatvorstellung im Paschinger Schlößl der Zweigs zu Gast war, erinnert sich heute noch an die Besuche des Dichters. Der Zweig Tisch war die Nummer 7 an der dem Wintergarten benachbarten Seite des Cafehaus-Saales. (Abnmerkung: das alte , erinnerungsschwere Mobiliar wurde im Zuge der Renovierung durch die neuen Besitzer, die Familie Brandstätter, nicht gerade feinfühlig, entsorgt.) Zweig habe sich hier unter anderem mit Zuckmayer, auch mit Hofmannsthal getroffen, sei aber immer nur kurz dagewesen. Von Spannungen zwischen Zweig und Hofmannsthal wäre freilich nichts zu merken gewesen. Die Behauptung von Berta Zuckerkandl, Zweig habe Reinhardts und Hofmannsthals Werk „den Rücken“ zugewandt lässt sich ebensowenig begründen wie die von Helene Thimig („Wie Max Reinhardt lebte“), dass der Schriftsteller „ein Intimfeind des Rheinhardtschen Hausdichters Hugo von Hofmannsthal“ war, und „die Antipathie, die er für Hofmannsthal empfand, auch auf Reinhardt“ übertrug.

In seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ bejubelt Stefan Zweig die Salzburger Festspiele: „Mit einemmal wurden die Salzburger Festspiele eine Weltattraktion, gleichsam die neuzeitlichen olympischen Spiele der Kunst, bei denen alle Nationen wetteiferten, ihre besten Leistungen zur Schau zu stellen. (…) Salzburg war und blieb in diesem Jahrzehnt der künstlerische Pilgerort Europas.“ Es fällt schwer zu glauben, dass diese Zeilen von einem Mann stammen sollen, dessen „Verstimmung“ sich „im Grunde gegen alles, was die Festspiele bejahte, (…)“ richtete, wie Friderike Zweig in ihrem „Wie ich ihn erlebte“ schreibt.

Zweig hat jedenfalls die Festspiele nicht boykottiert, er besuchte immer wieder Proben und Aufführungen seiner Freunde Strauss und Toscanini, er besuchte Reinhardt bei den Proben zur legendären „Faust“ Aufführung in der Felsenreitschule, und er schrieb für den ersten Festspielalmanach im Jahre 1925 seinen Essay „Die Stadt als Rahmen“.

Reinhardts Regietätigkeit wurde von Stefan Zweig zeitlebens bewundert. Anlässlich einer Vorstellung der „Großen Pantomime zur Musik von Engelbert Humperdinck“, “Mirakel“, notiert Zweig am 18. September 1912 im Tagebuch: „(…) Reinhardt hat sich da selber übertroffen. Diese Massen, die in farbiger Flut anströmen, die Kühnheit der Verwandlungen (…) ist unvergänglicher Fund. Ich wollte, Gelegenheit böte sich, ihm meine Bewunderung zu sagen.“

Auch Zweigs „ursprüngliche Bewunderung für Hofmannsthal hatte nie nachgelassen (…)“, wie sein Biograph Donald A. Prater („Das Leben eines Ungeduldigen“, Hanser, 1981) schreibt.

Zweifellos war Zweig schon als Gymnasiast sowohl von Hofmannsthal wie auch von Rainer Maria Rilke schwärmerisch begeistert. Dennoch finden sich in den Tagebüchern Zweigs auch kritische Anmerkungen zu Hofmannsthal, etwa dessen mangelnden „Heroismus“ betreffend, weil Hofmannsthal sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges vom Dienst an der Front „wegen Nervosität“ befreien ließ.(7.8.1914) Nach einem Gespräch mit dem Schriftsteller Ernst Hardt notiert Zweig am 15. Jänner 1915: „Sein Hass gegen Hofmannsthal ist gut fundiert.“ Und am 24. November 1917 schreibt Zweig „Rolland hat recht zu fragen: Wieso schreiben alle eure Autoren nichts über den Krieg? (…) Ich finde tatsächlich bei Schnitzler, Rilke, Hofmannsthal keine Spur der Zeit. Und ist das nicht Tod, an einer solchen Zeit vorbei zu leben?” Ob freilich Stefan Zweig nach dem Tod Hofmannsthals durch Richard Strauss (Prater) oder durch Max Reinhardt (Friderike Zweig) erfahren hat, dass der Dichter des „Jedermann“ von Anfang an seine Mitwirkung an den Festspielen hintertrieben habe, darüber gehen die Aussagen auseinander.
Das „Zweig“ Verbot scheint von Reinhardt so strikte jedenfalls nicht beachtet worden zu sein, denn Friderike berichtet in ihren Briefen zweimal von Einladungen zu Reinhardts Festen auf Schloss Leopoldskron (Brief aus Salzburg nach Hamburg, August 1930).
Reinhardt, welcher Zweig nach dem Tod Hofmannsthals aufforderte, sein Werk und seine Mithilfe dem dramatischen Programm der Salzburger Festspiele zur Verfügung zu stellen, wie Friderike Zweig berichtet , holte sich vom durch „diese einseitige Rivalität“ Hofmannstahls „bestürzten“ Dichter eine Abfuhr. Als Textdichter für Strauss trat der Gekränkte dennoch in die Fußstapfen Hofmannstahls: Er schrieb das Libretto zur Oper „Die schweigsame Frau“.
Noch einmal allerdings triumphiert Hofmannsthal über Zweig: 1992, dem 50. Todesjahr Zweigs, stand nicht „Die schweigsame Frau“ auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele ,sondern „Die Frau ohne Schatten“.

(Dieser Artikel von Günter Verdin erschien 25. Juli 1992 in der Festspielausgabe einer Salzburger Zeitung, deren Namen von Verdin nicht mehr erwähnt werden mag).

LEKTÜREEMPFEHLUNG: Stefan Zweig -sein Leben in Bildern

http://pickz.de/link.php?q=stefan+asch&url=http%3A%2F%2Fwww.elke-rehder.de%2Fstefan-zweig%2Fbiografie-stefan-zweig.htm

GESPRÄCHE IN GRENZEN: JUTTA LAMPE

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Eine Frau mit Doppelleben:

Lili Groth, Gattin eines Wirtschafts-Professors, verliert ihr Gleichgewicht, weil sie neben ihrem gesicherten Leben , , als Partnerin eines Popmusikers, noch Abgründe kennenlernen möchte. Jutta Lampe spielte diese schillernde Figur in der Uraufführung des Botho-Strauß-Stücks “Das Gleichgewicht” 1993 bei den Salzburger Festspielen in virtuoser Vielschichtigkeit. Später war sie die ausgeflippte Gutsbesitzerin in Peter Steins dichter, gar nicht elegischer Inszenierung von Tschechows “Der Kirschgarten”.

Auch diese Frau im Kirschgarten ist eine Frau, die mehrere Leben nicht auf die Reihe bringt, nichts von sich preisgibt, und wie eine Schauspielerin im Mittelpunkt ihres eigenen Untergangs steht.

Jutta Lampe: “Natürlich ist sie zu großen Gefühlen fähig. Sie ist ein Mensch, der in einer Durchgangszeit lebt. Das Problem ist, dass diese Menschen, und da beziehe ich mich durchaus ein, nicht mehr spüren, was verloren geht. Sie ist oberflächlich und auch wieder nicht, sie ist wahnsinnig großzügig, sie ist kindlich und lebenshungrig und in der Lage, jeden Moment zu leben und nicht geizig mit dem Leben umzugehen. Sie ist aber nicht in der Lage, um etwas zu kämpfen; sie ist nicht zielgerichtet, wie wir heutigen Menschen zum Beispiel, auch die jüngere Generation. Manchmal denke ich, wir wissen gar nicht, wie man richtig lebt. Das wussten die Tschechow-Menschen noch.”

Gibt es Parallelen zu Lili Groth bei Strauß? “Die Lili Groth ist schon eine ungewöhnliche Frau, da muss man lange in sich herumsuchen, bevor man sie nachempfinden kann. Ihr Doppelleben ist heute ja etwas ziemlich normales. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen so leben, weil der eine Teil des Lebens immer enger wird, der Mensch will nicht mehr so begrenzt sein.”

Starke Frauen am deutschsprachigen Theater

Jutta Lampe, einer der großen Stars der Berliner Schaubühne ist als Schauspielerin auch eine Frau mit Doppelleben. Ihre Anverwandlungskunst ist beinahe beängstigend. Dabei sind Frauen am Theater, was die Rollenauswahl betrifft, ziemlich benachteiligt.
Jutta Lampe sieht das differenzierter: “Der Beruf der Schauspielerin ist für mich eigentlich nie ein Problem gewesen. Das ist einer der ältesten Frauenberufe. Und ich habe auch nie das Gefühl gehabt, dass ich kämpfen muss, weil ich eine Frau bin. Ich habe auch das Gefühl, die Frauen sind sehr stark vertreten am deutschen Theater. Wir spielen gerade (Anm. 1996) in Berlin ein Stück: da sind sieben Frauen drin. Ein Problem gibt es vielleicht, wenn man älter wird, weil dann die Anforderung der Rollen weit auseinander klafft von unserem Selbstbild. Diese Probleme haben Männer nicht.”

Kritiken in den Zeitungen werden übergangen

Ihre bisher größten Erfolge hat Jutta Lampe mit Regisseuren erzielt wie Peter Stein, Luc Bondy oder aber auch Robert Wilson, mit dem sie 1989 in Berlin ihren vierstündigen Monolog nach dem Roman von Virginia Woolf , “Orlando – eine Biografie” erarbeitete – eine Figur, die sich, beginnend im Zeitalter Elisabeths I., durch vier Jahrhunderte bewegt, dabei das Geschlecht wechselt und doch nur um 20 Jahre altert.

Nicht zuletzt für diese bravouröse Solo-Leistung wurde ihr während des Berliner Theatertreffens im Jahr 1992 der Theaterpreis der Berliner Stiftung “Preußische Seehandlung” zugesprochen.
Es war, wie man sich denken kann, nicht die erste Auszeichnung für ihre schauspielerischen Leistungen. Wieweit beeinflussen eigentlich solche Würdigungen, aber auch die Kritik in den Medien, die berufliche Entwicklung?

Lampe: “Ich habe das nie als karrierefördernd empfunden, aber das liegt daran, dass ich an der Schaubühne, wo ich seit 1970 spiele, in einer ungemein privilegierten Situation arbeite. Mein Platz an der Schaubühne hat sich nicht verändert, nur weil ich einen Preis bekommen habe. Natürlich habe ich mich riesig über solche Auszeichnungen gefreut. Kritik in den Zeitungen nehme ich allerdings nicht mehr zur Kenntnis. Ich bin nur, wenn ich etwas höre oder lese, wenn es nicht mich betrifft, immer sehr traurig. Wenn ich höre, dass über den ‘Cäsar’ von Peter Stein böse geredet wird, dann bin ich traurig. Wenn es mich selbst betrifft, bin ich natürlich auch irritiert, sofern es mir zugetragen wird, aber ich mag mich damit nicht mehr befassen.”

Die Arbeit an der bereits legendären Berliner Schaubühne mag dem Beobachter aus der Ferne wie ein Festspiel im Alltäglichen erscheinen: die besten deutschsprachigen Schauspieler erarbeiten unter den besten Regisseuren Muster-Inszenierungen neuer und klassischer Stücke. Hier aber einen Zusammenhang mit Salzburg herzustellen, findet Jutta Lampe doch unangebracht: “Das ist natürlich etwas gewagt, das Festspiele zu nennen in Berlin. Es ist eine ganz besondere Arbeitsweise, die wir uns da leisten konnten. Hier in Salzburg ist es für mich deshalb nicht ein so großer Unterschied, weil ich schon zweimal mit Regisseuren gearbeitet habe, unter denen ich auch an der Schaubühne gespielt habe: mit Luc Bondy und mit Peter Stein. Deshalb ist das für mich auch vertrautes Terrain. Was für mich an Salzburg anders ist, ist das Schöne, was Peter Stein hier gemacht hat, dass er nämlich viele Schauspieler holte, die noch nie an der Schaubühne waren, die aber schätzenswert sind, und mit denen ich große Lust hatte, zu arbeiten. Salzburg ist eher ein Phänomen des permanenten Festes. Wenigstens in diesen drei Monaten hat man das Gefühl, die Zuschauer feiern auch ein Fest, man nimmt teil daran, was auf dem Theater, in der Oper, passiert.
Das ist stimulierend. Das gibt es in dem Maße nicht mehr in Berlin. Wenn es das einmal gegeben hat, dann ist das schon 15 Jahre her.”

Das Theater hinkt immer ein bisschen nach

“In Berlin ist es mit den Festen zu Ende. Alle müssen sparen, alle müssen sich umstellen. Auch die Arbeitsbedingungen sind schwieriger geworden. Natürlich hat das mit dem Fall der Mauer, der deutschen Wiedervereinigung, zu tun. Gerade in Berlin ist man im Zentrum der großen Schwierigkeiten und Umwälzungen. Ich habe manchmal das Gefühl, in München, oder überhaupt in Westdeutschland, weiß man überhaupt nicht, was da eigentlich passiert ist. Berlin hat mächtig zu kämpfen: alle Menschen sind nervös, niemand weiß, wie es weitergehen soll, es ist beunruhigend im Moment.”
Und die vielzitierte Aufbruchstimmung, die in Berlin herrschen soll, wird das Theater davon nicht erfasst? “Das weiß ich nicht. Theater hinkt ja immer ein bisschen nach. Ich meine auch, dass da viel umstrukturiert werden muss, so luxuriös geht es ganz bestimmt nicht weiter. Das Theater braucht furchtbar viel Zeit, sich darauf einzustellen, vor allem die Menschen, die am Theater arbeiten. Die Aufbruchstimmung gibt es auch in Berlin, aber gerade im Theaterbereich sehe ich das überhaupt nicht. Ich glaube auch, dass es zu viele Theater in Berlin gibt. Im Moment können wir die Häuser nicht füllen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen zur Zeit nicht so viel Muße und Geld haben, ins Theater zu gehen. Es ist auch nicht deutlich, was gewollt wird am Theater, worauf es letztendlich hinaus läuft, und das Publikum weiß auch nicht, was es will.”

In Salzburg gibt es das also : ein permanentes Fest, wenigstens drei Monate lang. Kommt Jutta Lampe neben ihrer Arbeit überhaupt in den Genuss dieser Festesstimmung ?

“Ich versuche alles zu sehen, was hier angeboten wird.
Wenn man das bezahlen kann. Alles im Schauspiel, auch die Gastspiele, habe ich gesehen. Dann fahre ich gerne hinaus in die Natur, spazieren gehen, auf der Alm sitzen mit Freunden und Kollegen. Das ist schon ein bisschen wie Ferien. In Berlin sitzt man so zwischen Steinen. Hier in Salzburg lebt alles von gewachsener Kultur, in den kleinsten Details. Berlin ist ganz bestimmt eine der interessantesten Städte, aber es nicht schön. Es ist auch nicht offenherzig, auch nicht freundlich und einladend. Jede Art von Kultur muss erkämpft werden. In Salzburg leben die Menschen schon seit Jahrhunderten damit, das ist ein anderes Lebensgefühl. Darum bin ich sehr gerne hier.”

Immer wird gleich der Mensch abgesägt

Nächstes Jahr wird Jutta Lampe nicht bei den Salzburger Festspielen sein. Das soll aber, trotz der Demission von Peter Stein als Schauspieldirektor, kein Abschied für immer sein: “Wenn er länger geblieben wäre, dann hätte man sicher etwas Neues überlegt. Ich bin gerne in Salzburg.Ich glaube, dass er ein sehr schönes Konzept hatte. Ich weiß auch nicht – diese Reaktionen: nicht vom Publikum, von der Kritik. Wenn man etwas auszusetzen hat, dann wird gleich der ganze Mensch abgesägt und beschimpft. Dass steht in keinem Verhältnis. Tod und Leben, Sein oder Nichtsein….”
Jutta Lampe, eine Frau mit vielen Gesichtern und vielen Leben: in Salzburg ist sie sozusagen auf Ferien, in Berlin arbeitet sie (in Flensburg wurde sie übrigens geboren.Wo ist sie eigentlich zu Hause? “In Berlin bin ich zu Hause.” Mit allen Konsequenzen? Ist das Heimat? “Das ist ein sehr umfassender Begriff. Aber es ist wenigstens ein Stückchen Heimat….”

(Das Gespräch erschien am Samstag, dem 24. August 1996, in einer Salzburger Zeitung.)

Der Zauber ging flöten: Disney World auf der Bregenzer Seebühne

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Niki de Saint Phalle Skulptur, 2008, Nizza

Und zum Vergleich das Bühnenbild von Johan Engels für die Aufführung von Mozarts Oper “Dje Zauberflöte”

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Von Günter Verdin

Fleissig veröffentlichen heute, Donnerstag, die Netz-Portale von “Zeit” bis “Focus” und auch die meisten Tageszeitungen die jubilierende Vorweg-Einheitsmeldung der dpa, in der es gleich zu Beginn heisst:

“Bregenz (dpa) – Mit einem Feuerwerk aus Farbe und Licht hat am Mittwochabend die Premiere der Oper “Die Zauberflöte” bei den Bregenzer Festspielen begonnen.

Der Regisseur David Pountney und der Bühnenbildner Johan Engels versetzten das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart auf der Seebühne in eine überdimensionale Märchenwelt, die sich bunt und farbintensiv im dunklen Wasser des Bodensees widerspiegelte. Den räumlichen Mittelpunkt der Geschichte um den Prinzen Tamino, der die entführte Pamina retten soll, bildet eine meterhohe Kuppel, die an einen Schildkrötenpanzer erinnert. Bewacht wird sie von drei leuchtend grün und rot bemalten Drachenhunden.”

Das ist – bevor die Verrisse der Kritiker erscheinen werden- gut für den Kartenverkauf. Weil diese Meldung nichts über die Qualität der Aufführung aussagt.
Anders als bei der auch optisch genialen Realisierung von ” André Chenier” und auch von “La Bohème” in den Vorjahren, werden heuer nämlich sowohl Musik wie auch die humane Botschaft von Mozarts “Die Zauberflöte” von der Gigantomanie des Produzententeams um Regisseur David Pountney erschlagen. Die drei Damen wie auch die drei Knaben sind mit riesigen Puppen-Wasserköpfen ausgestattet , doch die Mischung aus menschlichen und Fabelwesen ( für die Welt der Königin der Nacht) funktioniert nicht und verwirrt nur. Gegenüber all dem Brimborium aus Disney-World ( die grotesken Drachen-Hunde sind deutlich von den Skulpturen der Niki de Saint Phalle beeinflusst, ohne deren Esprit zu erreichen)
stinkt der eigentliche Sinngeber der Oper, Sarastro, als Mini-Menschlein ab.
Die Dimensionen von “Europas größter Seebühne” haben trotz ansprechender, durch gute Übertragungstechnik unterstützte, musikalischer Umsetzung, ihr nächstes Opfer gefordert: Mozarts “Die Zauberflöte” funktioniert hier nicht…

DER #JEDERMANN: WIDERLICHER ALS #SALZBURGER_NOCKERL

Walther Reyer als Jedermann, Nadja Tiller als Buhlschaft (1968)

Diese alljährliche Heimsuchung durch Hofmannthals “Jedermann” wird wohl niemals enden: der “Jedermann”, uraufgeführt nicht in Salzburg, sondern 1911 im Berliner Zirkus Schumann, ist längt kein Thema für die Kulturberichterstattung , sondern ausschließlich für die Gesellschaftsreporter, die aktuell zum Beispiel vermelden, dass die Buhlschaft 2013 eine durchsichtige Bluse mit Kunstnippeln trägt.

Es ist ja alles schon wiedergekäut: das Stück ist von zweifelhaftem literarischem Rang. Und was die religiöse Substanz anbetrifft, gehört das Moralstück mit dem im Schnellverfahren knapp vor seinem Ableben von allen Sünden befreiten reichen Mann in den Bereich des Devotionalien-Kitsches. Welcher Sohn würde heutzutage nicht flugs zum Heiden, wenn ihm seine Mutter so frömmelnd zusetzte wie die des Jedermann? Oder wenn ihm die Allegorie des “Glaubens” entgegenträte wie eine Missionarin der Heilsarmee. Bei so bigottem Spiel hat der Teufel wirklich leichtes Spiel, auch wenn ihm die Engelscharen letztendlich doch die arme Seele entreißen.
Wenn es selbst Peter Stein als Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele nicht gelungen ist, dem “Jedermann” den ewigen Frieden zu geben, wird auch dieser Appell ungehört verhallen:

TÖTET JEDERMANN!

Es geht darum, dass wir heutige Menschen mit unseren existentiellen Fragen, etwa nach dem Sinn des Lebens, nicht abgespeist werden wollen mit Trivialbildern wie den über den Bühnenboden robbenden “Guten Werken” (früher stützten sie sich auf Krücken) , und auch nicht von von schwertbewaffneten gefiederten Engeln.

Der Erfolg des “Jedermann” ist mit dem der widerlichen Süßspeise “Salzburger Nockerl” zu vergleichen: einmal muss sich jeder Tourist
den Magen damit verdorben haben, und dann nie wieder.

Wie ein Kulturereignis mit dem hohen Qualitätsanspruch der Salzburger Festspiele wirklich würdig eröffnet werden könnte? Zum Beispiel mit John Neumeiers Ballett-Version von Mozarts “Requiem”. Neumeier hat schon 1985 im Rahmen der Festspiele mit der Choreografie zu Bachs “Matthäus-Passion” vor dem wuchtigen Salzburger Dom für tiefe Ergriffenheit und Besinnung gesorgt. Das war zu einer Zeit, wo die Programmverantwortlichen sich daran erinnerten, dass am Anfang aller Kunst der Tanz stand…

Weitere Berichte und Reportagen von Günter Verdin zum Thema “Jedermann”:

BERT BRECHT UND DER ASTHMATISCHE TOD

Selbst ein Bert Brecht lief beim Versuch, einen Ersatz für den stets umjubelten und stets angezweifelten “Jedermann” zu finden, zu literarischen Untiefen auf. Im Jahr 1949 sagte er Gottfried von Einem, damals Mitglied der Festspiel-Leitung, einen “Salzburger Totentanz” zu. In einem Brief vom Mai 1949 schildert Brecht sein Konzept: “Kontrakt des Kaisers mit dem Tod, im kommenden Krieg die Opfer zu begrenzen und ihn und seine Nächsten zu verschonen, wenn sie das vereinbarte Zeichen machten. Vergessen des Zeichens durch den vielbeschäftigten Tod. Moral: Mit dem Tod kann man keine Geschäfte machen.” Als Honorar wünschte der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte staatenlose Dichter die österreichische Staatsbürgerschaft. Brecht knittelte darauf los. In einer Textprobe lässt Brecht seinen Tod “mit asthmatischen Atembeschwerden” über seine Allergie gegen den schnöden Mammon reflektieren. Dieses rührende Dokument lässt ahnen, dass der Bühne nicht viel entgangen ist. Der Text wurde nicht vollendet, Brecht bekam dennoch 1950 seinen österreichischen Pass.

Auch spätere Versuche, das Sterben des reichen Mannes zu erneuern, sind fehlgeschlagen. Am energischsten hat sich Peter Stein für eine Alternative zum oft als bigott kritisierten Stück Hofmannsthals eingesetzt. Peter Handke, Botho Strauß und Hans Magnus Enzensberger lehnten ab.
So ein Regen hat auch etwas Gutes: Der erste “Jedermann” dieses Sommers mußte ins Große Festspielhaus übersiedeln und tat dort neue Wirkung

EIN MENSCH, NICHT WIE VON HOFMANNSTHAL KONSTRUIERT (1998)

Wer jemals an einem schwülen Sommertag eine “Jedermann”-Aufführung auf dem Platz vor dem Salzburger Dom erlebt und im Schweißbad durchlitten hat, der ist nicht undankbar, wenn, wie bei der Premiere am Samstag, Hofmannsthals “Spiel vom Sterben des reichen Mannes” wegen Schlechtwetters in das Große Festspielhaus verlegt wird. Man sehe und staune: Die Schwächen des Werks, aber auch die Stärken der Aufführung werden im geschlossenen Raum noch deutlicher.
Sprachlich täuscht das Stück vor, mittelalterlich und inhaltlich fromm zu sein. Die Inszenierung von Gernot Friedel, die bekanntlich vor allem das von Ernst Haeussermann in Reinhardt-Tradition erarbeitete Regie-Konzept verwaltet, gewinnt im Haus an Dichte. Auch die kritische Distanz der Regie zu Hofmannsthals Bigotterie tritt im geschlossenen Raum kräftiger zutage. Und immerhin ist auch zu bemerken, wie hübsch und detailreich Friedel so manche Szene arrangiert hat, etwa die Tischgesellschaft, die, zu Tode erschrocken, zum Cinemascope-Renaissance-Gemälde erstarrt.
Für die Schauspieler bedeutet der Ortswechsel eine enorme Umstellung. Urs Hefti als Spielansager schafft sie nicht: Er brüllt und agiert plakativ, als müßte er noch auf der Festung gehört werden. Hingegen ist Michael Degen als Tod ein Labsal an nuanciertem, völlig unpathetischem Spiel. Lola Müthel überzeugt als Jedermanns Mutter mit naiver Gläubigkeit, und auch Isabel Karajan als Gute Werke und Sibylle Canonica als Glaube erfüllen die Allegorie, die geschrieben steht, mit wohltuend sachlicher irdischer Präsenz.
Mit großer Spannung wurde natürlich der Auftritt der neuen Buhlschaft, Sophie Rois, erwartet. Schon optisch unterscheidet sie sich deutlich vom bisher in Salzburg gepflegten Klischee des drallen Lustweibs mit üppigem Dekollete: Sophie Rois ist zierlich, aber sie wirbelt mit großer Entschiedenheit als kleine Raubkatze über die Bühne, eher verspieltes Mädchen als lüsterne Dirne, eine sehr heutige Figur. Ihre Manier, Sätze hervorzustoßen und gleich darauf die Lautstärke aufs Minimum zu reduzieren, wird wohl auch auf dem Domplatz zu Verständigungsschwierigkeiten führen.

Gert Voss als Jedermann, Sophie Rois als Buhlschaft

Alle Einwände gegen das vielgeschmähte Stück verstummen aber, wenn Gert Voss als Jedermann von der Bühne Besitz ergreift. Die Aufführung im Festspielhaus ermöglicht, die überraschend vielschichtige Annäherung des Schauspielers an die ja biographielose Figur in konzentrierter Form zu beobachten. Voss greift mit allen stupenden Kunstmitteln hinein ins pralle Menschenleben, ist lausbübisch verspielt zu Beginn und später mannhaft ängstlich, schließlich erbärmlich kreatürlich bis zur hündischen Ergebenheit dem Glauben gegenüber.
Voss läßt, was wirklich Kunst ist, das jämmerliche Versmaß des Textes vergessen und ist noch beim Auftritt im Büßerhemd ein Mensch, als wär’ er nicht von Hofmannsthal konstruiert. Günter Verdin
(27.07.1998)

EVERYMAN EVERYWHERE: DER JEDERMANN ALLERORTEN
Nicht nur auf dem Salzburger Domplatz wird der “Jedermann” Hugo von Hofmannsthals aufgeführt, auf mehreren Bühnen, auf Kirchenstufen und Ruinen wird, vornehmlich im Sommer, das Sterben des reichen Mannes zelebriert, auch in Dialektversion und sogar als Tanztheater. Eine Bestandsaufnahme.

MAX REINHARDT, der Regie -Übervater des “Jedermann” bei Dreharbeiten in Hollywood (szenische Anweisungen für Puck im “Sommernachtstraum)

GÜNTER VERDIN
Es ist doch jedes Jahr das gleiche Theater auf dem Platz vor dem Salzburger Dom: der reiche Mann hat seine Seele – husch, husch, im reuigen Eilverfahren – gerettet, das Publikum ist ergriffen, und die Kritiker winden sich mit skeptischen bis zynischen Bemerkungen aus der Pflichtaufgabe, über ein ungeliebtes Stück und seine auf Reinhardtschen Erfahrungswerten ausharrende Inszenierung zu berichten. Der nicht versiegende Publikumsandrang lässt sich wohl damit erklären, dass selbst im nicht gläubigen Menschen geheime emotionale Saiten von der großen Versöhnungsgeste des Theater-Gottes in harmonieselige Schwingungen versetzt werden; und der ebenfalls nicht enden wollende Kritikerspott ist darin begründet, dass, wer das gleichermaßen naive wie künstliche Mysterienspiel hinterfragen möchte, auf ein esoterisches Gemisch von Glaubens-Annahmen stößt, welches der logischen Analyse nicht standhält.

“Jedermann” unter der tausendjährigen Linde

Da in Salzburg in der Ära nach Gerard Mortier, unter dem neuen Schauspieldirektor Jürgen Flimm, auch beim “Jedermann” (wieder einmal) nach neuen Ansätzen gesucht wird, lohnt vielleicht ein Rundblick im deutschsprachigen Raum. Denn auch abseits der Salzburger Festspiele geht der Jedermann a bisserl sterben: in Faistenau etwa sind unter einer 1000-jährigen Linde an die 100 Laiendarsteller am von Franz Löser “volkstümlich” bearbeiteten Hofmannsthal-Werk (jeden Samstag bis zum 18. August).
Auf diese Mundartfassung, in der Jedermann ein reicher Bauer ist, greifen auch die Mondseer zurück, die auf der Freilichtbühne im Karlsgarten neben der schönen Pfarrkirche bis zum 25. August (jeweils samstags) nicht nur eine große Laien-Spielschar, sondern auch die Goldhaubenfrauen Mondsee, die Alttrachtengruppe St. Lorenz und eine Volkstanzgruppe aufbieten.
Selbst das Deutsche Staatstheater im rumänischen Temeswar hatte 1999 den “Jedermann” auf dem Spielplan. Im thüringischen Erfurt gibt es auch heuer wieder (vom 30. August bis 2. September) auf den Stufen vor dem Dom eine um Authentizität bemühte Aufführung.
Dass der Hofmannsthalsche “Jedermann” sozusagen noch einen Koffer in Berlin hat, wo die Uraufführung 1911 unter Max Reinhardt (mit Alexander Moissi in der Titelrolle) im Zirkus Schumann stattfand, war anzunehmen. Brigitte Grothum schart seit nunmehr 15 Jahren im Berliner Dom prominente Schauspieler (in diesem Jahr unter anderen Sonja Kirchberger, Brigitte Mira, Elke Sommer und als Mammon den als Travestiefigur Mary bekannt gewordenen Georg Preuße) um sich, um im sakralen Rahmen dem Mysterienspiel zu aktueller Bedeutung zu verhelfen.
Auf der Homepage der Berliner Jedermann-Festspiele begründet Brigitte Grothum ihren Einsatz für das Stück folgendermaßen: “So, wie heute, in unserer globalisierten Welt, weder eine Anbindung an Ideale noch Mitleid den Absturz in die Ellenbogengesellschaft hemmen, wie ungezügeltes Gewinnstreben möglicherweise in eine Katastrophe führt, so wird der symbolhaft für uns alle stehende ,Jedermann’ durch die Wiedergewinnung des Glaubens an höhere Werte gerettet.”
Nicht allerorten kann man mit vergleichbar kostbarer sakraler Kulisse für den “Jedermann” aufwarten wie in Salzburg, Erfurt oder auch Schwäbisch Hall (hier spielt das Stück auf der ausladenden Freitreppe der evangelischen Stadtkirche St. Michael).
Doch historisches Gemäuer muss es schon sein. In Weingarten (bei Ravensburg) dient der sonst nicht zugängliche Klostergarten auf dem Martinsberg als Kulisse für einen aktualisierten “Jedermann”. Der reiche Mann ist hier Finanzmakler von Beruf und hat stattlichen Immobilienbesitz. Die Figur der Buhlschaft, zumeist als dralles Lebeweib auf die Bühne gestellt, wird in Weingarten vom Anrüchigen befreit. Zu Recht weisen die Weingartner darauf hin, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes “Buhlschaft” eigentlich “Verlobte” war. Bei den Bad Hersfelder Festspielen gehört die “Jedermann”-Aufführung vor der mittelalterlichen Kulisse der Stiftsruine zum festen Bestandteil des Spielplans.
Seit acht Jahren ist der “Jedermann” in Hamburg zu sehen, und zwar in der so genannten Speicherstadt im Zollgebiet des Freihafens. Die Kulisse dieser ehemaligen “Kathedrale der Waren”, wie die Speicherstadt in den Reiseführern poetisch umschrieben wird, fügt sich plastisch in den Anspruch der Inszenierung, der heutigen Hamburger Bürgerschaft einen Spiegel vorhalten zu wollen.
Grell, satirisch verfremdet und aufgebrochen erscheint das alte Mysterienspiel als “Der Fränkische Jedermann” im Innenhof des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Der vom Autor Fitzgerald Kusz durchaus ernst gemeinte Text wird in Klaus Kusenbergs Inszenierung zum deftigen Satyrspiel auf alle Heuchelei und Frömmelei, die konventionelle “Jedermann”-Aufführungen zur Qual machen. “Godd” zum Beispiel hat einen mächtig langen Bart, der sich über die ganze Bühne hinweg ausbreitet. Sein Gegenspieler, der Teufel, ist mit Flammenwerfern ausgestattet und stiehlt “Godd” und dem reichen Mann die Show. Das Herzala, die Buhlschaft, tänzelt im rosen-übersäten Reifrock über die Bühne. Und der Tod tritt mit schrecklichen “Jedermoo!”-Rufen aus der Trauerweide (!) hinter der Bühne hervor. Auch hier wird Jedermann natürlich gerettet; an seiner statt holt der Teufel das arme Herzala . . .
Eine durchaus diskussionswürdige, ernst zu nehmende Sicht auf den “Jedermann” bietet die junge Choreografin Irina Pauls mit ihrem neuen Tanztheaterstück, das Mitte Juli im Rahmen der Heidelberger Schlossfestspiele uraufgeführt wurde.

JEDERMANN ALS TANZENDER REBELL (2001)

Irina Pauls’ Jedermann in Gestalt des Tänzers Andreas Lauck ist ein äußerlich eher grüblerischer Mann, dessen psychische Defekte sich erst im Laufe der Inszenierung offenbaren. Jedermann als sadistischer Machtbesessener dirigiert nicht nur seine anämische, willenlose Buhlschaft (Jessica van Rüschen), sondern auch die Tischgesellschaft in den Untergang.
Irina Pauls’ Tanzstück “Jedermann” wird im romantisch verfallenen Englischen Bau der Heidelberger Schloss-Ruine präsentiert. Jedermanns Abbruchhaus? Pauls: “Ich glaube, dass der Jedermann gut hierher passt. Dieser Ort trägt die Geschichte mit sich. Das versuchen wir ja darzustellen, diesen Werdegang und das Verfallen: Asche, verbrannte Holzteile, die hier sind, das heißt, dass der Tod immer gegenwärtig ist, der Tod, der schließlich Jedermann holt. Ich finde die Figur des Jedermann interessant, weil er rebelliert; in jeder Rebellion ist ja auch ein ganz starker Wille zu spüren. Und dass dieser Jedermann Gottes Gebote erst einmal nicht anerkennt, sondern versucht, sein Leben selbst zu gestalten, ist eine ungemein sympathische Eigenschaft!”

Statt Hofmannsthal ein historischer Eremit

Was bleibt vom Text Hofmannsthals übrig? Pauls: “Eigentlich nichts mehr. Die moralisierenden Figuren wie die Guten Werke oder der Glaube kommen bei mir nicht vor. Allerdings haben wir einen sehr schönen Text eines Eremiten aus dem 12. Jahrhundert, Heinrich von Melk, der von einem Schauspieler rezitiert wird. Es ist ganz wichtig, dass einer da ist, der an Jedermann appelliert: Kehre dein Schiff um, geh auf die richtige Spur. Wenn wir diesen Bezug nicht hätten, dann würde ja auch die Frage zwischen Leben und Tod und auch der Beziehung zur höheren Gewalt gar nicht im Raum stehen.”
Irina Pauls leitet seit einem Jahr, und mit aufsehenerregendem Erfolg, die Ballettkompanie am Heidelberger Stadttheater. Zum Wesen ihrer Arbeit als Choreografin gehört eine ganz besondere Hand- Schrift, im wahrsten Sinne des Wortes. Pauls: “Ich gehe von Alltagsgesten aus. Das ist ja ein wichtiger Moment: wie Menschen sich ganz alltäglich bewegen, und das geht sehr stark über Arme und Gestikulation, das versuche ich dann als charakteristisches Bewegungs-Merkmal für die Figuren zu schaffen. Arme und Oberkörper sind ein wunderschönes Mittel, den Körper ganz einzusetzen. Das ist die moderne Bewegungssprache, die Kopf. Arme und Oberkörper miteinschließt.”

Bei der “Jedermann”-Choreografie von Irina Pauls fällt auf, dass auch die Tischgesellschaft individuell durchgestaltet ist. Hier tanzen Einzel-Persönlichkeiten, die für sich Bewegung erfinden und sich wie zufällig in den Bewegungsduktus der anderen verschränken oder integrieren. Pauls: “Die Tänzer sind letztendlich sehr individualistisch. Sie erfassen die von mir vorgegebene Bewegungssprache und interpretieren sie auf ihre eigene Weise. Das ist für mich die Idee von Tanztheater, dass man ganz spezielle, eigenwillige Persönlichkeiten auf der Bühne hat, die in der Lage sind, eine Idee zu verfolgen und eine Bewegungssprache auszudrücken.” Welche Rolle spielt die Musik? Pauls: “Ich verwende mittelalterliche Musik, die hin reicht zu neuer Musik, die mit mittelalterlichen Instrumenten gespielt wird. Es ist für mich immer wichtig, dass die Musik die Idee des Stücks klar ausdrückt.” Hat Irina Pauls jemals den “Jedermann” in Salzburg gesehen? Pauls: “Ja natürlich. Und ich muss Ihnen sagen, ich fand ihn sehr langweilig.”
(19.07.2001)

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