Entwurf zu einem #Kaffeehaus-Roman

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(Foto: Helmut Bertl)

Beginn: eine Schale duftenden Kaffees. Ein unbeschreiblicher Duft. Das erspart eine Menge Arbeit.

Oder: ein immens fescher junger, sehr braungebrannter blonder Kellner flirtet mit einer in aller Unschuld dem ersten Mal entgegenfiebernden brünetten, rehäugigen Amerikanerin: er schüttet ihr den Kaffee über die Jeans, wodurch die aufgekeimte heiße Liebe etwas durchaus Abgebrühtes erfährt.

Spätestens jetzt: Ortsbeschreibung. Authentischer Jugendstil, Arkaden und Lichthof im venezianischen Palais, oder die beschwingte Inselhaftigkeit einer Salzach-Terrrasse. Viel Architektur, auch dort, wo die Architektur an der Zeit nagt.
Man sitzt auf Thonet-Kopien (Spannung beschreiben zwischen Nachgemachtem, einer jungen Frau, die sich ungeniert frisch macht, und einem frischgemachten Apfelstrudel).

Und nun die Menschen: einer, der nur tut, und einer, der nie durchhält, und einer, der nicht mehr kann, tauschen Erfahrungen aus.
Moosbrugger sitzt im Kaffeehaus, stürzt einen schwarzen Kaffee und drei Kognaks hinunter und liest auf Seite 73 bei Musil nach, wie er eine Mordswut bekommt.

Anderes Bild: an den Tischen sitzen Zeitungen. Die Zeitungen sind auseinandergefaltet, Hände hinterlassen ihre Abdrücke am Papierrand. Lautlos werden die Zeitungen weitergegeben. Die gelesenen Nachrichten fallen buchstäblich zu Boden, in den Zeitungen sind Stellen frei. Jeder hält die anderen für Müßiggänger oder Arbeitslose.

Plötzlich ein scharfes Geräusch: Papier wird zerrissen. Hinter den Zeitungen tauchen Köpfe auf, empört wackelnd. Ein seltsamer Mann hat eine Seite aus einer Zeitung herausgerissen. Es ist sein Artikel. Und seine Zeitung. Der Mann steht auf und zahlt. Das Köpfewackeln wird langsamer, der Zeitungsvorhang zieht sich wieder zu.

Anderes Bild: eine Touristengruppe durchschneidet, mit Lärm aus einer anderen Welt , die Summe der Geräusche aus Human- und Materialklang, das Summen also. Bestellungen werden durch die träge Luft gewirbelt, direkt aus dem Fremdwörterbuch abgelesen: der fesche junge Kellner spricht Wiener Dialekt mit englischer Aussprache. Er blickt einer runden Vierzigjährigen tief in die Augen, die wissen möchte, was ein Palat-Schinken ist. Ham and eggs, übersetzt er, without eggs, aber sweet. Die Vierzigjährige entscheidet sich für den Reiseleiter, der dem Kellner zuzwinkert. Dieser gibt die Stafette an die artig verkleidete Küchenmamsell weiter, die Torten und Strudel, darin schon aufgeregte Zeigefinger stecken, an die dazugehörigen Hände verteilt und gleich kassiert. In einem Glas Wasser spiegelt sich Ratlosigkeit. Diesen Satz herausarbeiten: im Wein liegt die Wahrheit, im Kaffee das Klischee.

Schlussbild: vor den großen Auslagenfenstern des Kaffeehauses auf der Straße seht ein Pantomime mit weißgeschminktem Gesicht und stellt Schaufensterpuppen dar…

Hat er geschossen oder nicht?#David_Vann im Zielfernrohr des FAZ-Kritikers

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David Vann, im Zielfernrohr eines FAZ-Kritikers

Liest noch einer Bücher? Liest noch einer Buchbesprechungen? Vor allem die in der FAZ, die manchmal so lang und ausführlich scheinen, als wollten sie das rezensierte Buch ersetzen.

Eine Literaturkritik dieser Art ist die Besprechung von Thomas David des neuen Romans von dem US-amerikanischen Schriftsteller David Vann, ” Goat Mountain”, der jetzt auf Deutsch erschienen ist (FAZ, 1. August 2014, Nr. 176). Da der Autor für kurze Zeit in Berlin weilte, ergänzen Interview-Passagen die Interpretation.

Sollte irgendjemand in der Feuilleton-Redaktion der FAZ nicht nur Bücher, sondern auch Rezensionen lesen, müsste ihm ein eklatanter Widerspruch in der Inhaltsangabe im Bericht von Thomas David aufgefallen sein.

Hier hilft nur wörtliches Zitieren:

“Als der Vater den Sohn durch das Zielfernrohr seiner 300 Magnum einen Wilderer auf ihrem Land betrachten lässt und der Junge den Mann ins Fadenkreuz nimmt, seinem Instinkt folgt und den Wilderer erschießt , geht ein Riss durch die Zeit …)”

Einen Absatz später zitiert der Kritiker den Autor wörtlich (die widersprüchliche Stelle wird hier VERSAL wiedergegeben):

“Als mich mein Vater dann durch das Zielfernrohr seines Gewehrs einen Wilderer betrachten ließ, packte mich ein Schwindel, so als stünde ich am Rande einer Klippe, und etwas in mir, irgendetwas, von dem ich damals nicht wusste, dass es in mir ist, WOLLTE ABDRÜCKEN. ICH HABE MICH OFT GEFRAGT, WAS MICH ALS KIND DAVON ABGEHALTEN HAT, ES ZU TUN UND DEN AUGENBLICK VORÜBERZIEHEN ZU LASSEN, STATT DEN WILDERER ZU ERSCHIEßEN.”

Was denn nun?

Egal, wer liest schon Bücher? Wer liest schon Buchbesprechungen?

ARNO SCHMIDT: Dieser Dichter ist ( fast ) immer im Bild

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Von Günter Verdin

Im Januar diese Jahres wäre Deutschlands “schwierigster” Schriftsteller Arno Schmidt 100 Jahre alt geworden. So komplex und oft rätselhaft sein literarisches Werk ist ,etwa “Zettel’s Traum”, so klar und naturverliebt sind seine Landschafts-Fotografien. Von 1958 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 lebte der Dichter mit seiner Frau Alice in Bargfeld in der Südheide. Auf seinen täglichen Spaziergängen fotografierte er die Landschaft, erst in Schwarzweiß und ab den 1960er Jahren auch in Farbe. Mehr als 2.500 Aufnahmen, darunter auch viele Porträts von seiner Frau, sind so entstanden. Wie viele Maler bevorzugte Schmidt für seine Bilder das quadratische Format.

Dass der Schriftsteller gerne seinen Schatten mit ins Bild komponierte, wirkt wie eine geheime Signatur seiner Naturverbundenheit.

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Etwa 100 Fotos Schmidts sind zur Zeit in Hamburg zu sehen.

Ausstellung

Datum: 26.02.2014, 10:00 Uhr

Ende: 14.09.2014

Adresse:Altonaer Museum

Museumstraße 23

22765 Hamburg

Telefon: (040) 428 135 3582

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr

Zur Ausstellung ist der Bildband “Arno Schmidt. Vier mal Vier” erschienen.

Hrsg. Janos Frecot

123 farbige Abbildungen

Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag

zum Preis von 25 Euro im Museumsshop und im Buchhandel

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War STEFAN ZWEIG das Intrigenopfer Hofmannsthals?

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(Stefan Zweig-Denkmal auf dem Salzburger Kapuzinerberg)

Der Europäer auf dem Kapuzinerberg

Von Günter Verdin

“Darum hat die Kunst unserer Zeit in Hugo in Hugo von Hofmannstahl nicht nur ihren sprachmächtigsten Dichter verloren, sondern auch ihren obersten und reinsten Richter. (…) Denn dies war der letzte, der äußerst Sinn seiner Sendung auf Erden: noch einmal das Maß nach oben zu richten – eine Zeit, die (…) nur auf Gleitendem ruht, neuerdings auf das Dauernde und Unvergängliche zurückzuverweisen. Hugo von Hofmannsthal hat gefordert und durch sein Werk bewiesen, dass auch heute eine hohe, eine adelige, eine dem Absoluten dienende Kunst möglich ist, und dass wir dies erlebten an seinem Dasein – darin liegt große Verpflichtung.“

Spricht so ein „Intimfeind“ über den Gegner, welchen er glücklich überlebt hat? Oder ahnte der Dichter Zweig 1929, als der die Trauerrede für Hofmannstahl am Wiener Burgtheater hielt, wirklich nichts von der Abneigung des von ihm Gewürdigten ihm gegenüber, obwohl sich die Familie des Verblichenen die Rede durch Zweig verbeten hatte und die Witwe dem Festakt deswegen fernblieb. Welche Rolle hatte Hofmannstahl, hatten Reinhardt und auch Strauss im Intrigenspiel, welches Stefan Zweig, den „Österreicher vom Kapuzinerberg Salzburg“ (Egon Erwin Kisch, 1942), von der Mitwirkung an den Salzburger Festspielen fernhalten sollte? Oder hat gar Stefan Zweig selbst die Salzburger Festspiele boykottiert?

Nicht nur Berta Zuckerkandl, „die Hofrätin“, welche mit Friderike und Stefan Zweig befreundet war, und durch ihren berühmten „Salon“ großen Einfluss auf das künstlerische Schaffen ihrer Zeit hatte, wunderte sich: „Als Zweig unmittelbar nach Kriegsende in Salzburg das kleine Schloss auf dem Kapuzinerberg erwarb, hätte man seine Mitwirkung an den Salzburger Festspielen für selbstverständlich gehalten. Beinahe gleichzeitig waren Max Reinhardt auf Schloss Leopoldskron und Hermann Bahr auf Birgelstein ansässig geworden. Doch nur mit Bahr trat Zweig in nähere Verbindung. Reinhardts und Hofmannstahls Werk wandte er den Rücken. Wenn im August der Festspielrummel begann, verschwand Zweig beinahe demonstrativ aus Salzburg. Er überließ es seiner Frau Friderike, die zahlreichen Gäste, die auf den Kapuzinerberg pilgerten, zu empfangen.“ Berta Zuckerkandl schrieb das 1970, und es empfiehlt sich, mit solchen Zeugenaussagen aus der Erinnerung vorsichtig umzugehen.

Dass Zweig den Festpieltrubel floh, ist durch Briefstellen aus der Korrespondenz mit seiner ersten Frau Friderike belegt. Sie sendet am 22. Juni 1923 an den „lieben Stefan“ nach Westerland auf Sylt folgenden Hilferuf: „(…) endlich flüchte ich mich in die Ruhe des Briefschreibens. Es freut mich, wenn Du Ruhe hast, aber wenn Du nicht hier bist, glauben die Menschen, unser Haus sei völlig zu ihrer Benutzung, wenn nur irgendein Vorwand besteht heraufzukommen.“ Und Zweig antwortet: „(…) Du wirst mir zugeben, dass ich Dich mit Recht immer gewarnt habe, so viele Menschen ins Haus zu ziehen. Ich weiß sehr wohl, warum ich im Cafehaus empfange – die Leute haben oft kein Maß und vergessen, dass sie nicht die einzigen sind.“

„Empfangen“ hat Stefan Zweig übrigens vorwiegend im „Cafe Bazar“. Die Senior Chefin, Frau Tomaselli, die als Tänzerin des Gertrud-Bodenwieser-Ensembles auch zu einer Privatvorstellung im Paschinger Schlößl der Zweigs zu Gast war, erinnert sich heute noch an die Besuche des Dichters. Der Zweig Tisch war die Nummer 7 an der dem Wintergarten benachbarten Seite des Cafehaus-Saales. (Abnmerkung: das alte , erinnerungsschwere Mobiliar wurde im Zuge der Renovierung durch die neuen Besitzer, die Familie Brandstätter, nicht gerade feinfühlig, entsorgt.) Zweig habe sich hier unter anderem mit Zuckmayer, auch mit Hofmannsthal getroffen, sei aber immer nur kurz dagewesen. Von Spannungen zwischen Zweig und Hofmannsthal wäre freilich nichts zu merken gewesen. Die Behauptung von Berta Zuckerkandl, Zweig habe Reinhardts und Hofmannsthals Werk „den Rücken“ zugewandt lässt sich ebensowenig begründen wie die von Helene Thimig („Wie Max Reinhardt lebte“), dass der Schriftsteller „ein Intimfeind des Rheinhardtschen Hausdichters Hugo von Hofmannsthal“ war, und „die Antipathie, die er für Hofmannsthal empfand, auch auf Reinhardt“ übertrug.

In seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ bejubelt Stefan Zweig die Salzburger Festspiele: „Mit einemmal wurden die Salzburger Festspiele eine Weltattraktion, gleichsam die neuzeitlichen olympischen Spiele der Kunst, bei denen alle Nationen wetteiferten, ihre besten Leistungen zur Schau zu stellen. (…) Salzburg war und blieb in diesem Jahrzehnt der künstlerische Pilgerort Europas.“ Es fällt schwer zu glauben, dass diese Zeilen von einem Mann stammen sollen, dessen „Verstimmung“ sich „im Grunde gegen alles, was die Festspiele bejahte, (…)“ richtete, wie Friderike Zweig in ihrem „Wie ich ihn erlebte“ schreibt.

Zweig hat jedenfalls die Festspiele nicht boykottiert, er besuchte immer wieder Proben und Aufführungen seiner Freunde Strauss und Toscanini, er besuchte Reinhardt bei den Proben zur legendären „Faust“ Aufführung in der Felsenreitschule, und er schrieb für den ersten Festspielalmanach im Jahre 1925 seinen Essay „Die Stadt als Rahmen“.

Reinhardts Regietätigkeit wurde von Stefan Zweig zeitlebens bewundert. Anlässlich einer Vorstellung der „Großen Pantomime zur Musik von Engelbert Humperdinck“, “Mirakel“, notiert Zweig am 18. September 1912 im Tagebuch: „(…) Reinhardt hat sich da selber übertroffen. Diese Massen, die in farbiger Flut anströmen, die Kühnheit der Verwandlungen (…) ist unvergänglicher Fund. Ich wollte, Gelegenheit böte sich, ihm meine Bewunderung zu sagen.“

Auch Zweigs „ursprüngliche Bewunderung für Hofmannsthal hatte nie nachgelassen (…)“, wie sein Biograph Donald A. Prater („Das Leben eines Ungeduldigen“, Hanser, 1981) schreibt.

Zweifellos war Zweig schon als Gymnasiast sowohl von Hofmannsthal wie auch von Rainer Maria Rilke schwärmerisch begeistert. Dennoch finden sich in den Tagebüchern Zweigs auch kritische Anmerkungen zu Hofmannsthal, etwa dessen mangelnden „Heroismus“ betreffend, weil Hofmannsthal sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges vom Dienst an der Front „wegen Nervosität“ befreien ließ.(7.8.1914) Nach einem Gespräch mit dem Schriftsteller Ernst Hardt notiert Zweig am 15. Jänner 1915: „Sein Hass gegen Hofmannsthal ist gut fundiert.“ Und am 24. November 1917 schreibt Zweig „Rolland hat recht zu fragen: Wieso schreiben alle eure Autoren nichts über den Krieg? (…) Ich finde tatsächlich bei Schnitzler, Rilke, Hofmannsthal keine Spur der Zeit. Und ist das nicht Tod, an einer solchen Zeit vorbei zu leben?” Ob freilich Stefan Zweig nach dem Tod Hofmannsthals durch Richard Strauss (Prater) oder durch Max Reinhardt (Friderike Zweig) erfahren hat, dass der Dichter des „Jedermann“ von Anfang an seine Mitwirkung an den Festspielen hintertrieben habe, darüber gehen die Aussagen auseinander.
Das „Zweig“ Verbot scheint von Reinhardt so strikte jedenfalls nicht beachtet worden zu sein, denn Friderike berichtet in ihren Briefen zweimal von Einladungen zu Reinhardts Festen auf Schloss Leopoldskron (Brief aus Salzburg nach Hamburg, August 1930).
Reinhardt, welcher Zweig nach dem Tod Hofmannsthals aufforderte, sein Werk und seine Mithilfe dem dramatischen Programm der Salzburger Festspiele zur Verfügung zu stellen, wie Friderike Zweig berichtet , holte sich vom durch „diese einseitige Rivalität“ Hofmannstahls „bestürzten“ Dichter eine Abfuhr. Als Textdichter für Strauss trat der Gekränkte dennoch in die Fußstapfen Hofmannstahls: Er schrieb das Libretto zur Oper „Die schweigsame Frau“.
Noch einmal allerdings triumphiert Hofmannsthal über Zweig: 1992, dem 50. Todesjahr Zweigs, stand nicht „Die schweigsame Frau“ auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele ,sondern „Die Frau ohne Schatten“.

(Dieser Artikel von Günter Verdin erschien 25. Juli 1992 in der Festspielausgabe einer Salzburger Zeitung, deren Namen von Verdin nicht mehr erwähnt werden mag).

LEKTÜREEMPFEHLUNG: Stefan Zweig -sein Leben in Bildern

http://pickz.de/link.php?q=stefan+asch&url=http%3A%2F%2Fwww.elke-rehder.de%2Fstefan-zweig%2Fbiografie-stefan-zweig.htm

DER ERSATZ FÜR TRÄUME.Hugo von Hofmannsthal und das Kino

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Eine kleine Betrachtung.

Was die Leute im Kino suchen, sagte mein Freund, mit dem ich auf dieses Thema kam, was alle die arbeitenden Leute im Kino suchen, ist der Ersatz für die Träume. Sie wollen ihre Phantasie mit Bildern füllen, starken Bildern, in denen sich Lebensessenz zusammenfaßt; die gleichsam aus dem Innern des Schauenden gebildet sind und ihm an die Nieren gehen. Denn solche Bilder bleibt ihnen das Leben schuldig (ich rede von denen, die in den Städten oder den großen zusammenhängenden Industriebezirken wohnen, nicht von den andern, den Bauern, den Schiffern, Waldarbeitern oder Bergbewohnern). Ihre Köpfe sind leer, nicht von Natur aus, eher durch das Leben, das die Gesellschaft sie zu führen zwingt. Da sind diese Anhäufungen von kohlengeschwärzten Industrieorten, mit nichts als einem Streifchen von verdorrtem Wiesengras zwischen ihnen, und den Kindern, die da aufwachsen, von denen unter sechstausend nicht eines im Leben eine Eule gesehen hatte oder ein Eichhörnchen oder eine Quelle, da sind unsere Städte, diese endlosen einander durchkreuzenden Häuserzeilen; die Häuser sehen einander ähnlich, sie haben eine kleine Tür und Streifen von gleichförmigen Fenstern, unten sind die Läden; nichts redet zu dem, der vorüberkommt, oder der ein Haus sucht; das einzige, was spricht, ist die Nummer. So ist die Fabrik, der Arbeitssaal, die Maschine, das Amt, wo man Steuer zahlen oder sich melden muß; nichts davon bleibt haften als die Nummer. Da ist der Werktag: die Routine des Fabriklebens oder des Handwerks; die paar Handgriffe, immer die gleichen; das gleiche Hämmern oder Schwingen oder Feilen oder Drehen; und zu Hause wieder: der Gaskocher, der eiserne Ofen, die paar Geräte und kleinen Maschinen, von denen man abhängt, auch das durch Übung so zu bewältigen, daß schließlich der, der sie immer wieder bewältigt, selber zur Maschine wird, ein Werkzeug unter Werkzeugen. Davor flüchten sie zu unzähligen Hunderttausenden in den finsteren Saal mit den beweglichen Bildern. Daß diese Bilder stumm sind, ist ein Reiz mehr; sie sind stumm wie Träume. Und im Tiefsten, ohne es zu wissen, fürchten diese Leute die Sprache; sie fürchten in der Sprache das Werkzeug der Gesellschaft. Der Vortragssaal ist neben dem Kino, das Versammlungslokal ist eine Gasse weiter, aber sie haben nicht diese Gewalt. Der Eingang zum Kino zieht mit einer Gewalt die Schritte der Menschen an sich, wie – wie die Branntweinschänke: und doch ist es etwas anderes. Über dem Vortragssaal steht mit goldenen Buchstaben: Wissen ist Macht, aber das Kino ruft stärker: es ruft mit Bildern. Die Macht, die ihnen durch das Wissen vermittelt wird – irgend etwas ist ihnen unvertraut an dieser Macht, nicht ganz überzeugend; beinahe verdächtig. Sie fühlen, das führt nur tiefer hinein in die Maschinerie und immer weiter vom eigentlichen Leben weg, von dem, wovon ihre Sinne und ein tieferes Geheimnis, das unter den Sinnen schwingt, ihnen sagt, daß es das eigentliche Leben ist. Das Wissen, die Bildung, die Erkenntnis der Zusammenhänge, all dies lockert vielleicht die Fessel, die sie um ihre Hände geschlungen fühlen – lockert sie vielleicht – für den Moment – zum Schein – um sie dann vielleicht noch fester zusammenzuziehen. All dies führt vielleicht zuletzt zu neuer Verkettung, noch tieferer Knechtschaft. (Ich sage nicht, daß sie dies sagen; aber eine Stimme sagt es in ihnen ganz leise.) Und ihr Inneres würde bei alledem leer bleiben. (Auch dies sagen sie sich, ohne es sich zu sagen.) Die eigentümliche fade Leere der Realität, die Öde – die, aus der auch der Branntwein herausführt -, die wenigen Vorstellungen, die im Leeren hängen, all dies wird nicht wirklich geheilt durch das, was der Vortragssaal bietet. Auch die Schlagworte der Parteiversammlung, die Spalten der Zeitung, die täglich daliegt – auch hierin ist nichts, was die Öde des Daseins wirklich aufhöbe. Diese Sprache der Gebildeten und Halbgebildeten, ob gesprochen oder geschrieben, sie ist etwas Fremdes. Sie kräuselt die Oberfläche, aber sie weckt nicht, was in der Tiefe schlummert. Es ist zuviel von der Algebra in dieser Sprache, jeder Buchstabe bedeckt eine Wirklichkeit, all dies deutet von fern auf irgend etwas hin, auch auf Macht, auf Macht sogar, an der man irgendwelchen Anteil hat; aber dies alles ist zu indirekt, die Verknüpfungen sind zu unsinnlich, dies hebt den Geist nicht wirklich auf, trägt ihn nicht irgendwo hin. All dies läßt eher eine Verzagtheit zurück, und wieder dies Gefühl, der ohnmächtige Teil einer Maschine zu sein, und sie kennen alle eine andere Macht, eine wirkliche, die einzige wirkliche: die der Träume. Sie waren Kinder und damals waren sie mächtige Wesen. Da waren Träume, nachts, aber sie waren nicht auf die Nacht beschränkt: sie waren auch bei Tag da, waren überall: eine dunkle Ecke, ein Anhauch der Luft, das Gesicht eines Tieres, das Schlürfen eines fremden Schrittes genügte, um ihre fortwährende Gegenwart fühlbar zu machen. Da war der dunkle Raum hinter der Kellerstiege, ein altes Faß im Hof, halbvoll mit Regenwasser, eine Kiste mit Gerümpel; da war die Tür zu einem Magazin, die Bodentür, die Tür zur Nachbarswohnung, durch die jemand herauskam, vor dem man sich ängstlich vorbeiduckte, oder ein schönes Wesen, das den süßen undefinierbaren Schauder der ahnenden Begierde tief in die dunkle bebende Tiefe des Herzens hineinwarf – und nun ist es wieder eine Kiste mit zauberhaftem Gerümpel, die sich auftut: das Kino. Da liegt alles offen da, was sich sonst hinter den kalten undurchsichtigen Fassaden der endlosen Häuser verbirgt, da gehen alle Türen auf, in die Stuben der Reichen, in das Zimmer des jungen Mädchens, in die Halls der Hotels; in den Schlupfwinkel des Diebes, in die Werkstatt des Alchymisten. Es ist die Fahrt durch die Luft mit dem Teufel Asmodi, der alle Dächer abdeckt, alle Geheimnisse freilegt. Aber es ist nicht bloß die Beschwichtigung der quälenden, so oft enttäuschten Neugier; wie beim Träumenden ist hier einem geheimeren Trieb seine Stillung bereitet: Träume sind Taten, unwillkürlich mischt sich in dies schrankenlose Schauen ein süßer Selbstbetrug, es ist wie ein Schalten und Walten mit diesen stummen, dienstbar vorüberhastenden Bildern, ein Schalten und Walten mit ganzen Existenzen. Die Landschaft, Haus und Park, Wald und Hafen, die hinter den Gestalten vorüberweht, macht nur eine Art von dumpfer Musik dazu – aufrührend weiß Gott was, an Sehnsucht und Überhebung, in der dunklen Region, in die kein geschriebenes und gesprochenes Wort hinabdringt – auf dem Film aber fliegt indessen in zerrissenen Fetzen eine ganze Literatur vorbei, nein, ein ganzes Wirrsal von Literaturen, der Gestaltenrest von Tausenden von Dramen, Romanen, Kriminalgeschichten; die historischen Anekdoten, die Halluzinationen der Geisterseher, die Berichte der Abenteurer; aber zugleich schöne Wesen und durchsichtige Gebärden; Mienen und Blicke, aus denen die ganze Seele hervorbricht. Sie leben und leiden, ringen und vergehen vor den Augen des Träumenden; und der Träumende weiß, daß er wach ist; er braucht nichts von sich draußen zu lassen; mit allem, was in ihm ist, bis in die geheimste Falte, starrt er auf dieses flimmernde Lebensrad, das sich ewig dreht. Es ist der ganze Mensch, der sich diesem Schauspiel hingibt; nicht ein einziger Traum aus der zartesten Kindheit, der nicht mit in Schwingung geriete. Denn wir haben unsere Träume nur zum Schein vergessen. Von jedem einzelnen von ihnen, auch von denen, die wir beim Erwachen schon verloren hatten, bleibt ein Etwas in uns, eine leise aber entscheidende Färbung unserer Affekte, es bleiben die Gewohnheiten des Traumes, in denen de r ganz e Mensch ist, mehr als in den Gewohnheiten des Lebens, all die unterdrückten Besessenheiten, in denen die Stärke und Besonderheit des Individuums sich nach innen auslebt. Diese ganze unterirdische Vegetation bebt mit bis in ihren dunkelsten Wurzelgrund, während die Augen von dem flimmernden Film das tausendfältige Bild des Lebens ablesen. Ja dieser dunkle Wurzelgrund des Lebens, er, die Region, wo das Individuum aufhört Individuum zu sein, er, den so selten ein Wort erreicht, kaum das Wort des Gebets oder das Gestammel der Liebe, er bebt mit. Von ihm aber geht das geheimste und tiefste aller Lebensgefühle aus: die Ahnung der Unzerstörbarkeit, der Glaube der Notwendigkeit und die Verachtung des bloß Wirklichen, das nur zufällig da ist. Von ihm, wenn er einmal in Schwingung gerät, geht das aus, was wir die Gewalt der Mythenbildung nennen. Vor diesem dunklen Blick aus der Tiefe des Wesens entsteht blitzartig das Symbol: das sinnliche Bild für geistige Wahrheit, die der ratio unerreichbar ist. – Ich weiß, schloß mein Freund, daß es sehr verschiedene Weisen gibt, diese Dinge zu betrachten. Und ich weiß, es gibt eine Weise, sie zu sehen, die legitim ist von einem anderen Standpunkt aus, und die nichts anderes in alledem sieht als ein klägliches Wirrsal, aus industriellen Begehrlichkeiten, der Allmacht der Technik, der Herabwürdigung des Geistigen und der dumpfen, auf jeden Weg zu lockenden Neugierde. Mir aber scheint die Atmosphäre des Kinos die einzige Atmosphäre, in welcher die Menschen unserer Zeit – diejenigen, welche die Masse bilden – zu einem ungeheuren, wenn auch sonderbar zugerichteten geistigen Erbe in ein ganz unmittelbares, ganz hemmungsloses Verhältnis treten, Leben zu Leben, und der vollgepfropfte halbdunkle Raum mit den vorbeifließenden Bildern ist mir, ich kann es nicht anders sagen, beinahe ehrwürdig, als die Stätte, wo die Seelen in einem dunklen Selbsterhaltungsdrange hinflüchten, von der Ziffer zur Vision.

[Osterbeilage der ‚Prager Presse‘. 27. März 1921]

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WIE SIE AUTOREN RICHTIG NERVEN KÖNNEN

Königsfragen des Autoreninterviews

Leipzig, 1. Juli 2013, 14:02 | von Paco

Der Autor und Literaturwissenchaftler Gérard Genette listet in »Seuils« (1987, dt. »Paratexte«) einige Stan dardfragen des Autoreninterviews auf, die der Blogger “Paco” durchnummeriert und mit möglichen Standard- Antworten kombiniert hat, die bei Genette zu finden sind (Quelle: die Suhrkamp-Ausgabe von 2001, S. 345f.)

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1. »Ist dieses Buch autobiographisch?«

»Königsantwort: ›Ja und nein‹.«

2. »Gibt es Schlüssel?«

»Klischeeantwort: ›Keine Schlüssel: Es gibt vermutlich Modelle, aber ich habe sie unkenntlich gemacht.‹«

3. »Wurden Sie von X beeinflußt?«

»Überhaupt nicht, ich habe ihn nie gelesen.« – »Nein, nicht von X, sondern von Y, an den keiner gedacht hat.« (Christian Kracht über »Imperium«: »Thomas Mann? Nein, Erich Kästner!«)

4. »Vertritt oder veranschaulicht Ihr Buch eine Rückkehr zu … [Balzac, zum Erzählen, zur Psychologie, zur klassischen französischen Tradition, zu Kant, Descartes, Plotin …]?«

»Ja und nein, die Geschichte schreitet in Spiralen voran.«

5. »Hat Sie das Schreiben an diesem Buch verändert?«

»Ja und nein, ändert man sich überhaupt jemals?«

6. »Haben Sie lange daran gearbeitet?«

»Hier zwei gute Antworten: ›Ja, ich streiche ungeheuer viel‹ und ›Ich habe es sehr schnell geschrieben, nachdem ich es sehr lang in mir heranreifen ließ.‹«

7. »Welche Figur ist Ihnen am liebsten?«

»Soundso, weil er mir am wenigsten gleicht.«

8. »Aber die bei Interviews mit Romanautoren wichtigste Frage, weil sie sich nicht mit Ja, Nein oder Ja und Nein beantworten läßt, besteht darin, vom Autor zu verlangen, er möge das Verhalten seiner Figuren erklären (…). Nur wenige sind so standhaft wie Faulkner und übergehen sie.«

ALSO SPRACH…#MARTIN_WALSER

ALSO SPRACH…MARTIN WALSER

“Der Welt genügt es nicht, dich zu besiegen. Du sollst ihr fort und fort gestehen, dass dir recht geschah.”

Aus “Meßmers Momente”, Rowohlt 2013

Die “Schachnovelle” in der Originalversion

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Klemens Renoldner, der Leiter des Stefan Zweig Centre in den “Salzburger Nachrichten” vom 13.März 2013 über die letzten Tage im Leben Zweigs und dessen letzte Arbeit, “Schachnovelle” :

Stefan Zweig hat mehrere Texte als Fragment hinterlassen. Bei der „Schachnovelle“ war es ihm offensichtlich wichtig, sie fertigzustellen. Am Vormittag des 21. Februar 1942, ein Samstag, hat er drei Exemplare des Typoskripts zur Post gebracht, adressiert an zwei Verleger in New York und einen Übersetzer in Buenos Aires. Ein Exemplar blieb in Petropolis für den brasilianischen Verleger. Am Sonntagabend nahmen er und seine Frau Lotte eine Überdosis Veronal. Am Montag, dem 23. Februar, wurden sie von der Haushälterin tot aufgefunden.

Noch am Samstagabend hatten die Zweigs einen befreundeten Berliner Journalisten und seine Frau zu sich eingeladen. Stefan Zweig spielte mit ihm Schach und schenkte ihm zum Abschied seine Schreibmaschine, was der natürlich nicht verstand. Ein Schriftsteller ohne Schreibmaschine?

Seine Frau Lotte und er haben den Abschied genau vorbereitet. In diesem Plan war es wichtig, dass die „Schachnovelle“ fertig ist und als letztes Werk in vier Weltsprachen veröffentlicht wird.

Der Reclam-Verlag bringt nächste Woche die “Schachnovelle” als gelbes Reclam-Heftin der Originalversion heraus, so wie sie Zweig geschrieben und in Petropolis zur Post gebracht hat.

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Die “Schachnovelle” ist Stefan Zweigs letztes Werk. Vier Abschriften ließ er von seiner Frau Lotte herstellen und versendete sie an verschiedene Verleger, bevor beide zusammen 1942 im brasilianischen Petropolis den Freitod wählten. Nach dem Krieg entwickelte sich die Erzählung zum Klassiker. Der Herausgeber Klemens Renoldner vom Stefan Zweig Centre in Salzburg verglich die drei noch erhaltenen Typoskripte und erstellte auf diese Weise zum ersten Mal einen verlässlichen Text. Ein genauer Zeilenkommentar sowie ein informiertes Nachwort erschließen dieses wichtige Dokument .

Weitere Artikel über STEFN ZWEIG in diesem Blog:

Zum siebzigsten Todestag von Stefan Zweig, der sich in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 gemeinsam mit seiner zweiten Frau im brasilianischen Exil das Leben nahm, hat die israelische Nationalbibliothek Digitalisate der Briefe des österreichischen Autors auf ihrer Website zugänglich gemacht, darunter die Korrespondenzen mit Albert Einstein und Sigmund Freud.

Stefan Zweig hatte schon 1933 Kontakt zur israelischen Nationalbibliothek aufgenommen und sein Interesse signalisiert, Dokumente aus seinem persönlichen Archiv dort zu deponieren. Zu den nun ins Netz gestellten Briefen gehört auch sein am 22. Februar 1942 verfasster Abschiedsbrief, den ein jüdischer Arzt zwanzig Jahre nach dem Tod Zweigs von den brasilianischen Behörden erworben und in den 1990er Jahren der Bibliothek überantwortet hat.

“Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich, eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, daß es mir und meiner Arbeit so gut und gastlich Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt, und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Heimat meiner Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet. Aber nach dem 60. Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen. Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.”

STEFAN ZWEIG UND SALZBURG

Nach dem Ende des II.Weltkriegs kehrte Zweig nach Österreich zurück; er lebte in Salzburg im Paschender Schlössl am Kapuzinerberg. Im Januar 1920 heiratete er die von dem Journalisten Dr. Felix von Winternitz geschiedene Friderike von Winternitz, die zwei Töchter in die Ehe brachte. Wie viele Literaten und Kuenstler dieser Zeit hatte er seinen Stammplatz im “Café Bazar”. Durch die Renovierung durch die neue Eigentümerfamilie sind sowohl die legendären Sitzgelegenheiten wie auch die wunderbare Aura des von der Familie Tomaselli jahrelang auf höchstem Niveau geführten Kaffeehauses verloren gegangen.
Als engagierter Intellektueller trat Stefan Zweig vehement gegen Nationalismus und Revanchismus ein und warb für die Idee eines geistig geeinten Europas. Er schrieb viel während dieser Zeit: Erzählungen, Dramen, Novellen. Die historischen Momentaufnahmen” Sternstunden der Menschheit ” von 1927 zählen bis heute zu seinen erfolgreichsten Büchern.
1928 bereiste Stefan Zweig die Sowjetunion, wo seine Bücher auf Betreiben von Maxim Gorki, mit dem er im Briefwechsel stand, auch auf Russisch erschienen. Sein 1931 erschienenes Buch “Die Heilung durch den Geist ” widmete er Albert Einstein. 1933 verfasste Zweig das Libretto für die Oper “Die schweigsame Frau” von Richard Strauss.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Deutschen Reich im Jahre 1933 wurde deren Einfluss auch in Österreich in Form von Bombenterror und unverhohlenen Auftritten der SA spürbar. Die Christlichsozialen setzten sich gegen die Nationalsozialisten zur Wehr – z. B. durch ein Verbot der NSDAP nach einem Handgranatenüberfall auf Christliche Wehrturner – und schafften zugleich die Demokratie ab, um die Sozialdemokraten auszuschalten .
Am 18. Februar 1934, wenige Tage nach dem Februaraufstand der Sozialdemokraten gegen den austrofaschistischen Ständestaat, durchsuchten vier Polizisten das Haus des erklärten Pazifisten Stefan Zweig. Er wurde verdaechtigt, in seinem Haus Waffen des Republikanischen Schutzbundes zu verstecken. Zwei Tage danach stieg Zweig in den Zug und emigrierte nach London.

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Klemens Renoldner, der Leiter des Stefan Zweig Centre in den “Salzburger Nachrichten” vom 13.März 2013 über die letzten Tage im Leben Zweigs und dessen letzte Arbeit, “Schachnovelle” :

Stefan Zweig hat mehrere Texte als Fragment hinterlassen. Bei der „Schachnovelle“ war es ihm offensichtlich wichtig, sie fertigzustellen. Am Vormittag des 21. Februar 1942, ein Samstag, hat er drei Exemplare des Typoskripts zur Post gebracht, adressiert an zwei Verleger in New York und einen Übersetzer in Buenos Aires. Ein Exemplar blieb in Petropolis für den brasilianischen Verleger. Am Sonntagabend nahmen er und seine Frau Lotte eine Überdosis Veronal. Am Montag, dem 23. Februar, wurden sie von der Haushälterin tot aufgefunden.

Noch am Samstagabend hatten die Zweigs einen befreundeten Berliner Journalisten und seine Frau zu sich eingeladen. Stefan Zweig spielte mit ihm Schach und schenkte ihm zum Abschied seine Schreibmaschine, was der natürlich nicht verstand. Ein Schriftsteller ohne Schreibmaschine?

Seine Frau Lotte und er haben den Abschied genau vorbereitet. In diesem Plan war es wichtig, dass die „Schachnovelle“ fertig ist und als letztes Werk in vier Weltsprachen veröffentlicht wird.

Der Reclam-Verlag bringt nächste Woche die “Schachnovelle” als gelbes Reclam-Heftin der Originalversion heraus, so wie sie Zweig geschrieben und in Petropolis zur Post gebracht hat.

Die “Schachnovelle” ist Stefan Zweigs letztes Werk. Vier Abschriften ließ er von seiner Frau Lotte herstellen und versendete sie an verschiedene Verleger, bevor beide zusammen 1942 im brasilianischen Petropolis den Freitod wählten. Nach dem Krieg entwickelte sich die Erzählung zum Klassiker. Der Herausgeber Klemens Renoldner vom Stefan Zweig Centre in Salzburg verglich die drei noch erhaltenen Typoskripte und erstellte auf diese Weise zum ersten Mal einen verlässlichen Text. Ein genauer Zeilenkommentar sowie ein informiertes Nachwort erschließen dieses wichtige Dokument .

Mineralölfreier ADVENTKALENDER.23.Dezember

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Alpl. Peter Roseggers Geburtshaus

Peter Rosegger

Als ich Christtagsfreude holen ging

(Fortsetzung vom 22.Dezember)

Nicht lange hernach, und ich trabte, mit meinen Gütern reich und schwer bepackt, durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häusern wurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekeltert; ich beneidete die Leute nicht; ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren, der, mit so großem Segen beladen, gen Alpl zog. Das wird morgen ein Christtag werden! Denn die Mutter kann’s, wenn sie die Sachen hat. Ein Schwein ist ja auch geschlachtet worden daheim, das gibt Fleischbrühe mit Semmelbrocken, Speckfleck, Würste, Nieren-Lümperln, Knödelfleisch mit Kren, dann erst die Krapfen, die Zuckernudeln, das Schmalzkoch mit Weinbeerln und Safran! – Die Herrenleut da in Langenwang haben so was alle Tag, das ist nichts, aber wir haben es im Jahr einmal und kommen mit unverdorbenem Magen dazu, das ist was! – Und doch dachte ich auf diesem belasteten Freudenmarsch weniger noch ans Essen als an das liebe Christkind und sein hochheiliges Fest. Am Abend, wenn ich nach Hause komme, werde ich aus der Bibel davon vorlesen, die Mutter und die Magd Mirzel werden Weihnachtslieder singen; dann, wenn es zehn Uhr wird, werden wir uns aufmachen nach Sankt Kathrein und in der Kirche die feierliche Christmette begehen bei Glock’, Musik und unzähligen Lichtern. Und am Seitenaltar ist das Krippel aufgerichtet mit Ochs und Esel und den Hirten, und auf dem Berg die Stadt Bethlehem und darüber die Engel, singend: Ehre sei Gott in der Höhe! – Diese Gedanken trugen mich anfangs wie Flügel. Doch als ich eine Weile die schlittenglatte Landstraße dahingegangen war, unter den Füßen knirschenden Schnee, mußte ich mein Doppelbündel schon einmal wechseln von einer Achsel auf die andere.

In der Nähe des Wirtshauses »Zum Sprengzaun« kam mir etwas Vierspänniges entgegen. Ein leichtes Schlittlein, mit vier feurigen, hochaufgefederten Rappen bespannt, auf dem Bock ein Kutscher mit glänzenden Knöpfen und einem Buttenhut. Der Kaiser? Nein, der Herr Wachtler vom Schlosse Hohenwang saß im Schlitten, über und über in Pelze gehüllt und eine Zigarre schmauchend. Ich blieb stehen, schaute dem blitzschnell vorüberrutschenden Zeug eine Weile nach und dachte: Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt: da sitzt ein starker Mann drin und läßt sich hinziehen mit so viel überschüssiger Kraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen.

Mittlerweile war es Mittagszeit geworden. Durch den Nebel war die milchweiße Scheibe der Sonne zu sehen; sie war nicht hoch am Himmel hinaufgestiegen, denn um vier Uhr wollte sie ja wieder unten sein, zur langen Christnacht. Ich fühlte in den Beinen manchmal so ein heißes Prickeln, das bis in die Brust hinaufstieg, es zitterten mir die Glieder. Nicht weit von der Stelle, wo der Weg nach Alpl abzweigt, stand ein Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Es stand, wie es heute noch steht, an seinem Fuß Johannes und Magdalena, das Ganze mit einem Bretterverschlag verwahrt, so daß es wie eine Kapelle war. Vor dem Kreuz auf die Bank, die für kniende Beter bestimmt ist, setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. Eine Semmel, die gehörte mir, meine Neigung zu ihr war so groß, daß ich sie am liebsten in wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein das schnelle Schlucken ist nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten, und das langsame Essen macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon von mir selber. Also beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtig zu genießen und dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschke zu naschen.

Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwas recht Gutes haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller Art; ach, wenn man nie und nie einen Mangel zu leiden hat, wie wird man da arm.

Und wie war ich so reich damals, als ich arm war!

Als ich nach der Mahlzeit mein Doppelbündel wieder auflud, war’s ein Spaß mit ihm, flink ging es voran. Als ich später in die Bergwälder hinaufkam und der graue Nebel dicht in den schneebeschwerten Bäumen hing, dachte ich an den Grabler-Hansel. Das war ein Kohlenführer, der täglich von Alpl seine Fuhre ins Mürztal lieferte. Wenn er auch heute gefahren wäre! Und wenn er jetzt heimwärts mit dem leeren Schlitten des Weges käme und mir das Bündel auflüde! Und am Ende gar mich selber! Daß es so heiß sein kann im Winter! Mitten in Schnee und Eisschollen schwitzen! Doch morgen wird alle Mühsal vergessen sein. – Derlei Gedanken und Vorstellungen verkürzten mir unterwegs die Zeit.

Auf einmal roch ich starken Tabakrauch. Knapp hinter mir ging, ganz leise auftretend, der grüne Kilian. Der Kilian war früher einige Zeit lang Forstgehilfe in den gewerkschaftlichen Wäldern gewesen, jetzt war er’s nicht mehr, wohnte mit seiner Familie in einer Hütte drüben in der Fischbacher Gegend, man wußte nicht recht, was er trieb. Nun ging er nach Hause. Er hatte einen Korb auf dem Rücken, an dem er nicht schwer zu tragen schien, sein Gewand war noch ein jägermäßiges, aber hübsch abgetragen, und sein schwarzer Vollbart ließ nicht viel sehen von seinem etwas fahlen Gesicht. Als ich ihn bemerkt hatte, nahm er die Pfeife aus dem Mund, lachte laut und sagte: »Wo schiebst denn hin, Bub?«

»Heimzu«, meine Antwort.

»Was schleppst denn?«

»Sachen für den Christtag.«

»Gute Sachen? Der Tausend sapperment! Wem gehörst denn zu?«

»Dem Waldbauer.«

»Zum Waldbauer willst gar hinauf? Da mußt gut anrauchen.«

»Tu’s schon«, sagte ich und tauchte an.

»Nach einem solchen Marsch wirst gut schlafen bei der Nacht«, versetzte der Kilian, mit mir gleichen Schritt haltend.

»Heut wird nicht geschlafen bei der Nacht, heut ist Christnacht.«

»Was willst denn sonst tun, als schlafen bei der Nacht?«

»Nach Kathrein in die Metten gehen.«

»Nach Kathrein?« fragte er, »den weiten Weg?«

»Um zehn Uhr abends gehen wir vom Haus fort, und um drei Uhr früh sind wir wieder daheim.«

Der Kilian biß in sein Pfeifenrohr und sagte: »Na, hörst du, da gehört viel Christentum dazu. Beim Tag ins Mürztal und bei der Nacht in die Metten nach Kathrein! So viel Christentum hab ich nicht, aber das sage ich dir doch: Wenn du dein Bündel in meinen Buckelkorb tun willst, daß ich es dir eine Zeitlang trage und du dich ausrasten kannst, so hast ganz recht, warum soll der alte Esel nicht auch einmal tragen!«

Damit war ich einverstanden, und während mein Bündel in seinen Korb sank, dachte ich: Der grüne Kilian ist halt doch ein besserer Mensch, als man sagt.

Dann rückten wir wieder an, ich huschte frei und leicht neben ihm her.

»Ja, ja, die Weihnachten!« sagte der Kilian fauchend, »da geht’s halt drunter und drüber. Da reden sich die Leut in eine Aufregung und Frömmigkeit hinein, die gar nicht wahr ist. Im Grund ist der Christtag wie jeder andere Tag, nicht einen Knopf anders. Der Reiche, ja, der hat jeden Tag Christtag, unsereiner hat jeden Tag Karfreitag.«

»Der Karfreitag ist auch schön«, war meine Meinung.

»Ja, wer genug Fisch und Butter und Eier und Kuchen und Krapfen hat zum Fasten!« lachte der Kilian.

Mir kam sein Reden etwas heidentümlich vor. Doch was er noch weiteres sagte, das verstand ich nicht mehr, denn er hatte angefangen, sehr heftig zu gehen, und ich konnte nicht recht nachkommen. Ich rutschte auf dem glitschigen Schnee mit jedem Schritt ein Stück zurück, der Kilian hatte Fußeisen angeschnallt, hatte lange Beine, war nicht abgemattet – da ging’s freilich voran.

»Herr Kilian!« rief ich.

Er hörte es nicht. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer, bei Wegbiegungen entschwand er mir manchmal ganz aus den Augen, um nachher wieder in größerer Entfernung, halb schon von Nebeldämmerung verhüllt, aufzutauchen. Jetzt wurde mir bang um mein Bündel. Kamen wir ja doch schon dem Höllkogel nahe. Das ist jene Stelle, wo der Weg nach Alpl und der Weg nach Fischbach sich gabeln. Ich hub an zu laufen; im Angesichte der Gefahr war alle Müdigkeit dahin, ich lief wie ein Hündlein und kam ihm näher. Was wollte ich aber anfangen, wenn ich ihn eingeholt hätte, wenn ihm der Wille fehlte, die Sachen herzugeben, und mir die Kraft, sie zu nehmen? Das kann ein schönes Ende werden mit diesem Tag, denn die Sachen lasse ich nicht im Stich, und sollte ich ihm nachlaufen müssen bis hinter den Fischbacher Wald zu seiner Hütte!

Als wir denn beide so merkwürdig schnell vorwärtskamen, holten wir ein Schlittengespann ein, das vor uns mit zwei grauen Ochsen und einem schwarzen Kohlenführer langsam des Weges schliff. Der Grabler-Hansel! Mein grüner Kilian wollte schon an dem Gespann vorüberhuschen, da schrie ich von hinten her aus Leibeskräften: »Hansel! Hansel! Sei so gut, leg mir meine Christtagsachen auf den Schlitten, der Kilian hat sie im Korb, und er soll sie dir geben!«

Mein Geschrei muß wohl sehr angstvoll gewesen sein, denn der Hansel sprang sofort von seinem Schlitten und nahm eine tatbereite Haltung ein. Und wie der Kilian merkte, ich hätte hier einen Bundesgenossen, riß er sich den Korb vom Rücken und schleuderte das Bündel auf den Schlitten. Er knirschte noch etwas von »dummen Bären« und »Undankbarkeit«, dann war er auch schon davon.

Der Hansel rückte das Bündel zurecht und fragte, ob man sich draufsetzen dürfe. Das, bat ich, nicht zu tun.

So tat er’s auch nicht, wir setzten uns hübsch nebeneinander auf den Schlitten, und ich hielt auf dem Schoß sorgfältig mit beiden Händen die Sachen für den Christtag. So kamen wir endlich nach Alpl. Als wir zur ersten Fresenbrücke gekommen waren, sagte der Hansel zu den Ochsen: »Oha!« und zu mir: »So!« Die Ochsen verstanden und blieben stehen, ich verstand nicht und blieb sitzen.

Aber nicht mehr lange, es war ja zum Aussteigen, denn der Hansel mußte links in den Graben hinein und ich rechts den Berg hinauf.

»Dank dir’s Gott, Hansel!«

»Ist schon gut, Peterl.«

Zur Zeit, da ich mit meiner Last den steilen Berg hinanstieg gegen mein Vaterhaus, begann es zu dämmern und zu schneien. Und zuletzt war ich doch daheim.

»Hast alles?« fragte die Mutter am Kochherd mir entgegen.

»Alles!«

»Brav bist. Und hungrig wirst sein.«

Beides ließ ich gelten. Sogleich zog die Mutter mir die klingendhart gefrorenen Schuhe von den Füßen, denn ich wollte, daß sie frisch eingefettet würden für den nächtlichen Mettengang. Dann setzte ich mich in der warmen Stube zum Essen.

Aber siehe, während des Essens geht es zu Ende mit meiner Erinnerung. – Als ich wieder zu mir kam, lag ich wohlausgeschlafen in meinem warmen Bett, und zum kleinen Fenster herein schien die Morgensonne des Christtages.

Mineralölfreier ADVENTKALENDER.22.Dezember

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Als ich die Christtagsfreude holen ging

In meinem zwölften Lebensjahre wird es gewesen sein, als am Frühmorgen des heiligen Christabends mein Vater mich an der Schulter rüttelte: ich solle aufwachen und zur Besinnung kommen, er habe mir etwas zu sagen. Die Augen waren bald offen, aber die Besinnung! Als ich unter der Mithilfe der Mutter angezogen war und bei der Frühsuppe saß, verlor sich die Schlaftrunkenheit allmählich, und nun sprach mein Vater: »Peter, jetzt hör, was ich dir sage. Da nimm einen leeren Sack, denn du wirst was heimtragen. Da nimm meinen Stecken, denn es ist viel Schnee, und da nimm eine Laterne, denn der Pfad ist schlecht, und die Stege sind vereist. Du mußt hinabgehen nach Langenwang. Den Holzhändler Spreitzegger zu Langenwang, den kennst du, der ist mir noch immer das Geld schuldig, zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer für den Lärchenbaum. Ich laß ihn bitten drum; schön höflich anklopfen und den Hut abnehmen, wenn du in sein Zimmer trittst. Mit dem Geld gehst nachher zum Kaufmann Doppelreiter und kaufst zwei Maßel Semmelmehl und zwei Pfund Rindsschmalz und um zwei Groschen Salz, und das tragst heim.«

Jetzt war aber auch meine Mutter zugegen, ebenfalls schon angekleidet, während meine sechs jüngeren Geschwister noch ringsum an der Wand in ihren Bettchen schliefen. Die Mutter, die redete drein wie folgt: »Mit Mehl und Schmalz und Salz allein kann ich kein Christtagsessen richten. Ich brauch dazu noch Germ (Hefe) um einen Groschen, Weinbeerln um fünf Kreuzer, Zucker um fünf Groschen, Safran um zwei Groschen und Neugewürz um zwei Kreuzer. Etliche Semmeln werden auch müssen sein.«

»So kaufst es«, setzte der Vater ruhig bei. »Und wenn dir das Geld zuwenig wird, so bittest den Herrn Doppelreiter, er möcht die Sachen derweil borgen, und zu Ostern, wenn die Kohlenraitung (Verrechnung für Holzkohle) ist, wollt ich schon fleißig zahlen. Eine Semmel kannst unterwegs selber essen, weil du vor Abend nicht heimkommst. Und jetzt kannst gehen, es wird schon fünf Uhr, und daß du noch die Achter-Meß erlangst zu Langenwang.«

Das war alles gut und recht. Den Sack band mir mein Vater um die Mitte, den Stecken nahm ich in die rechte Hand, die Laterne mit der frischen Unschlittkerze in die linke, und so ging ich davon, wie ich zu jener Zeit in Wintertagen oft davongegangen war. Der durch wenige Fußgeher ausgetretene Pfad war holperig im tiefen Schnee, und es ist nicht immer leicht, nach den Fußstapfen unserer Vorderen zu wandeln, wenn diese zu lange Beine gehabt haben. Noch nicht dreihundert Schritt war ich gegangen, so lag ich im Schnee, und die Laterne, hingeschleudert, war ausgelöscht. Ich suchte mich langsam zusammen, und dann schaute ich die wunderschöne Nacht an. Anfangs war sie ganz grausam finster, allmählich hub der Schnee an, weiß zu werden und die Bäume schwarz, und in der Höhe war helles Sternengefunkel. In den Schnee fallen kann man auch ohne Laterne, so stellte ich sie seithin unter einen Strauch, und ohne Licht ging’s nun besser als vorhin.

In die Talschlucht kam ich hinab, das Wasser des Fresenbaches war eingedeckt mit glattem Eis, auf welchem, als ich über den Steg ging, die Sterne des Himmels gleichsam Schlittschuh liefen. Später war ein Berg zu übersteigen; auf dem Paß, genannt der »Höllkogel«, stieß ich zur wegsamen Bezirksstraße, die durch Wald und Wald hinabführt in das Mürztal. In diesem lag ein weites Meer von Nebel, in welches ich sachte hineinkam, und die feuchte Luft fing an, einen Geruch zu haben, sie roch nach Steinkohlen; und die Luft fing an, fernen Lärm an mein Ohr zu tragen, denn im Tal hämmerten die Eisenwerke, rollte manchmal ein Eisenbahnzug über dröhnende Brücken.

Nach langer Wanderung ins Tal gekommen zur Landstraße, klingelte Schlittengeschelle, der Nebel ward grau und lichter, so daß ich die Fuhrwerke und Wandersleute, die für die Feiertage nach ihren Heimstätten reisten, schon auf kleine Strecken weit sehen konnte. Nachdem ich eine Stunde lang im Tal fortgegangen war, tauchte links an der Straße im Nebel ein dunkler Fleck auf, rechts auch einer, links mehrere, rechts eine ganze Reihe – das Dorf Langenwang.
Alles, was Zeit hatte, ging der Kirche zu, denn der Heilige Abend ist voller Vorahnung und Gottesweihe. Bevor noch die Messe anfing, schritt der hagere, gebückte Schulmeister durch die Kirche, musterte die Andächtigen, als ob er jemanden suche. Endlich trat er an mich heran und fragte leise, ob ich ihm nicht die Orgel »melken« wolle, es sei der Mesnerbub krank. Voll Stolz und Freude, also zum Dienste des Herrn gewürdigt zu sein, ging ich mit ihm auf den Chor, um bei der heiligen Messe den Blasebalg der Orgel zu ziehen. Während ich die zwei langen Lederriemen abwechselnd aus dem Kasten zog, in welchen jeder derselben allemal wieder langsam hineinkroch, orgelte der Schulmeister, und seine Tochter sang:

»Tauet, Himmel, den Gerechten,

Wolken, regnet ihn herab!

Also rief in bangen Nächten

einst die Welt, ein weites Grab.

In von Gott verhaßten Gründen

herrschten Satan, Tod und Sünden,

fest verschlossen war das Tor

zu dem Himmelreich empor.«

Ferner erinnere ich mich, an jenem Morgen nach dem Gottesdienst in der dämmerigen Kirche vor ein Heiligenbild hingekniet zu sein und gebetet zu haben um Glück und Segen zur Erfüllung meiner bevorstehenden Aufgabe. Das Bild stellte die Vierzehn Nothelfer dar – einer wird doch dabeisein, der zur Eintreibung von Schulden behilflich ist. Es schien mir aber, als schiebe während meines Gebetes auf dem Bilde einer sich sachte hinter den andern zurück.

Trotzdem ging ich guten Mutes hinaus in den nebeligen Tag, wo alles emsig war in der Vorbereitung zum Fest, und ging dem Hause des Holzhändlers Spreitzegger zu. Als ich daran war, zur vorderen Tür hineinzugehen, wollte der alte Spreitzegger, soviel ich mir später reimte, durch die hintere Tür entwischen. Es wäre ihm gelungen, wenn mir nicht im Augenblick geschwant hätte: Peter, geh nicht zur vorderen Tür ins Haus wie ein Herr, sei demütig, geh zur hinteren Tür hinein, wie es dem Waldbauernbub geziemt. Und knapp an der hinteren Tür trafen wir uns.
»Ah, Bübel, du willst dich wärmen gehen«, sagte er mit geschmeidiger Stimme und deutete ins Haus, »na, geh dich nur wärmen. Ist kalt heut!« Und wollte davon.

»Mir ist nicht kalt«, antwortete ich, »aber mein Vater läßt den Spreitzegger schön grüßen und bitten ums Geld.«
»Ums Geld? Wieso?« fragte er. »Ja richtig, du bist der Waldbauernbub. Bist früh aufgestanden heut, wenn du schon den weiten Weg kommst. Rast nur ab. Und ich laß deinen Vater auch schön grüßen und glückliche Feiertage wünschen; ich komm ohnehin ehzeit einmal zu euch hinauf, nachher wollen wir schon gleich werden.«

Fast verschlug es mir die Rede, stand doch unser ganzes Weihnachtsmahl in Gefahr vor solchem Bescheid.

»Bitt wohl von Herzen schön ums Geld, muß Mehl kaufen und Schmalz und Salz, und ich darf nicht heimkommen mit leerem Sack.«
Er schaute mich starr an. »Du kannst es!« brummte er, zerrte mit zäher Gebärde seine große, rote Brieftasche hervor, zupfte in den Papieren, die wahrscheinlich nicht pure Banknoten waren, zog einen Gulden heraus und sagte: »Na, so nimm derweil das, in vierzehn Tagen wird dein Vater den Rest schon kriegen. Heut hab ich nicht mehr.«

Den Gulden schob er mir in die Hand, ging davon und ließ mich stehen.

Ich blieb aber nicht stehen, sondern ging zum Kaufmann Doppelreiter. Dort begehrte ich ruhig und gemessen, als ob nichts wäre, zwei Maßel Semmelmehl, zwei Pfund Rindsschmalz, um zwei Groschen Salz, um einen Groschen Germ, um fünf Kreuzer Weinbeerln, um fünf Groschen Zucker, um zwei Groschen Safran und um zwei Kreuzer Neugewürz. Der Herr Doppelreiter bediente mich selbst und machte mir alles hübsch zurecht in Päckchen und Tütchen, die er dann mit Spagat zusammen in ein einziges Paket band und so an den Mehlsack hängte, daß ich das Ding über der Achsel tragen konnte, vorn ein Bündel und hinten ein Bündel. Als das geschehen war, fragte ich mit einer nicht minder tückischen Ruhe als vorhin, was das alles zusammen ausmache.

»Das macht drei Gulden fünfzehn Kreuzer«, antwortete er mit Kreide und Mund.

»Ja, ist schon recht«, hierauf ich, »da ist derweil ein Gulden, und das andere wird mein Vater, der Waldbauer in Alpl, zu Ostern zahlen.«

Schaute mich der bedauernswerte Mann und fragte höchst ungleich:

»Zu Ostern? In welchem Jahr?«

»Na, nächste Ostern, wenn die Kohlenraitung ist.«

Nun mischte sich die Frau Doppelreiterin, die andere Kunden bediente, drein und sagte: »Laß ihm’s nur, Mann, der Waldbauer hat schon öfters auf Borg genommen und nachher allemal ordentlich bezahlt. Laß ihm’s nur.«

»Ich laß ihm’s ja, werd ihm’s nicht wieder wegnehmen«, antwortete der Doppelreiter. Das war doch ein bequemer Kaufmann! Jetzt fielen mir auch die Semmeln ein, welche meine Mutter noch bestellt hatte.

»Kann man da nicht auch fünf Semmeln haben?« fragte ich. »Semmeln kriegt man beim Bäcker«, sagte der Kaufmann.

Das wußte ich nun gleichwohl, nur hatte ich mein Lebtag nichts davon gehört, daß man ein paar Semmeln auf Borg nimmt, daher vertraute ich der Kaufmännin, die sofort als Gönnerin zu betrachten war, meine vollständige Zahlungsunfähigkeit an. Sie gab mir zwei bare Groschen für Semmeln, und als sie nun noch beobachtete, wie meine Augen mit den reiffeuchten Wimpern fast unlösbar an den gedörrten Zwetschken hingen, die sie einer alten Frau in den Korb tat, reichte sie mir auch noch eine Handvoll dieser köstlichen Sache zu: »Unterwegs zum Naschen.«

Fortsetzung morgen, am 23. Dezember

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